Meine drei Wochen auf dem Lebenshof

Auf einem Lebenshof dürfen Tiere einfach Tiere sein, ohne eine Leistung erbringen zu müssen. Gastbloggerin Amélie half für drei Wochen auf dem Lebenshof im Ring aus. Dabei lernte sie ein selbstbewusstes Maultier, ein Vermittler-Huhn und eine etwas andere Hundebande kennen. 

 

Als ich auf dem Lebenshof in Kleinlützel ankam, begrüsste mich gleich das Schwein Susi (Bild oben). Mit wachen Augen beobachtete sie mich durch die Holzbretter und beschnupperte meine Hand. Später habe ich Susis Geschichte erfahren: Eigentlich wäre sie auf dem Schlachthof gelandet, doch sie war zu «klein» und hätte deswegen zu wenig Fleisch hergegeben. Nicht nur der Gedanke, dass sie eigentlich geschlachtet worden wäre, ist irritierend, sondern auch, dass Susi «klein» ist, denn sie wirkt riesig! Zumindest für Leute wie mich, die nicht verinnerlicht hatten, dass Schweine bis zu zwei Meter lang werden und an die 300 kg wiegen. 

Nebst Schweinen schenkt der Hof noch vielen anderen Tieren ein zweites Leben: Hunden, Katzen, Pferden, Geissen, Schafen, Gänsen, Hühnern, Pfauen, Meerschweinchen und Schildkröten. Mit der Ausnahme von Hunden und Katzen hatte ich mit den meisten Tierarten bis anhin kaum Kontakt. Entsprechend vorsichtig und vielleicht fast ein bisschen zögerlich war deshalb mein erster Umgang mit ihnen. Je länger ich jedoch auf dem Hof arbeitete, desto mehr verflogen aber diese Hemmungen. Auf dem Hof gibt es sowieso immer etwas zu tun: Misten, Füttern, Zäune reparieren, Tiere raus- und reinlassen, Laufwege gestalten, Bäume pflanzen und wieder Misten und Füttern. 

 

Jedes Tier: Ein Individuum mit Charakter

Schnell entwickelte ich ein gewisses Vertrauen zu den Tieren und lernte ihre einzigartigen Persönlichkeiten kennen. Ein Beispiel ist das Maultier Polly. Obwohl sie etwa einen Kopf kleiner als ihre Mitbewohner ist, lässt sie sich nicht unterkriegen. Im Gegenteil: Polly ist stets eine der Ersten, die frisst und sie setzt sich durch, wenn sie z.B. ihren Platz im Spreu verteidigt oder sonst einfach ihren Weg geht.

 

Maultier Polly

 

Äusserst sympathisch war mir auch das Huhn Schneewittchen. Auf dem Hof im Ring gibt es zwei Hühnergruppen in je einem Gehege. Ich bin sehr erschrocken, als ich Schneewittchen, beim Putzen des Stalls, plötzlich auf der anderen Seite ihres ursprünglichen Geheges sah. Wie sich herausstellte, überquert das athletische Schneewittchen den Zaun zu den anderen Hühner aber öfters und nimmt hierbei die Rolle einer «Doppelbürgerin» ein. Sie fühlt sich in beiden Gehegen wohl und verträgt sich mit allen Artgenossen.

Ebenfalls ins Herz geschlossen habe ich die Katze Loulou, die sehr anhänglich ist und sich überall – selbst am Bauch – streicheln lässt. Erwähnen möchte ich auch noch das Zwergschweinchen Sofia. Die Dame ist zu ihren Artgenossen etwas kratzbürstig und deshalb aktuell in einem Einzelgehege. Menschen gegenüber ist sie aber äusserst neugierig und freundlich. Damit ihr nicht langweilig wird, haben wir ihr einen mit Heu gefüllten Ball gegeben. Voller Freude hat sie diesen etwa eine halbe Stunde durch ihr Gehege gejagt!

 

Zwergschweinchen Sofia

 

Das Vertrauen der Tiere gewinnen

Natürlich habe nicht nur ich Vertrauen gegenüber den Tieren aufgebaut, sondern auch die Tiere mir gegenüber. Ich denke hier beispielsweise an den Hirtenhund Herkules, dem ich das dichte Fell gekämmt habe. Nachdem ich bereits zwei Wochen auf dem Hof arbeitete, hat er es sichtlich genossen, als ich ihm über seine Haarpracht fuhr. Ähnlich war es auch bei den Pferden. Während ich am Anfang beim Putzen des Geheges auf einen Sicherheitsabstand achtete, waren wir gegen Schluss ein gut eingespieltes Team: Stand ein Pferd vor dem Eingang, konnte ich ihm durch leichte Berührungen signalisieren, dass es doch bitte kurz aus dem Weg gehe. Ein Highlight waren auch immer die Spaziergänge mit den Hunden. Vier der fünf Hunde auf dem Hof haben alle kleinere oder grössere Behinderungen an den Beinen und dadurch etwas Mühe beim Laufen. Die Freude, mit welcher sich die Bande auf ihre Entdeckungstour macht, ist allerdings mehr als ansteckend! 

 

Hirtenhund Herkules

 

Schwere Entscheidungen

Der Hof wird auch immer wieder mit Unerwartetem konfrontiert und muss schnell Entscheidungen treffen und handeln. Nicht selten sind es Entscheidungen, bei denen es um das Leben oder den Tod eines Lebewesens geht. Der Platz und die Ressourcen des Hofs sind begrenzt, immer wieder müssen Tiere abgelehnt werden. 

Während meinem Aufenthalt wurde das «Masthühnchen» Lisa spontan aufgenommen, nachdem sie von Bekannten gerettet wurde. Als Lisa auf dem Hof ankam, war sie noch sehr jung und konnte noch nicht zu den anderen Hühnern. Sie lebte deshalb im Haus und ist sehr menschenorientiert – ihren Betreuer*innen folgt sie auf Schritt und Tritt. Sie wächst unglaublich schnell und weil Masthühner schwer überzüchtet sind, ist ihre Lebenserwartung gering. Ich bin mir aber sicher, dass Lisa nirgendwo besser aufgehoben wäre als auf einem der Lebenshöfe in der Schweiz, wo alles dafür getan wird, dass die Tiere ein glückliches Leben führen.

 

Gerettete Hühner auf dem Hof im Ring

 

Susi hat gerade einen Mittagsschlaf gemacht, als ich den Hof verliess. Ich habe sie nicht geweckt, denn ich bin mir sicher, dass ich den Hof bald wieder besuchen werde und es sich nicht um einen definitiven Abschied handelt.  

 

Amélie Lustenberger arbeitet in der Kommunikation einer Non-Profit-Organisation. Während drei Wochen hat sie auf dem Lebenshof im Ring ausgeholfen, der von Annette und Martina Blattner geleitet wird. Über 100 Tiere haben dort ein Zuhause gefunden haben. Sie stammen aus prekären Situationen und können auf dem Hof leben, ohne einen Nutzen erbringen zu müssen. In der Schweiz gibt es rund ein Dutzend Lebenshöfe.

Der Hof im Ring freut sich übrigens immer mal wieder über helfende Hände, für mehr Infos kann man sich bei info@hof-ring.ch melden.

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