Umwelt & Impact

Eine vegane Lebensweise schont die Umwelt, denn die veganen Nahrungsmittel landen ohne Umweg über das Tier auf dem Teller. Riesige Monokulturen für den Futtermittelanbau verschlingen enorme Mengen an Ressourcen wie Wasser und Land. Sensible Ökosysteme werden zerstört und verschmutzt, Regenwald wird abgeholzt zu Gunsten von Weide- und Futteranbauflächen. Wasser, Land, Luft und Klima werden durch Schadstoffe und andere Nebenprodukte aus der Nutztierhaltung belastet. Die vegane Lebensweise trägt massgeblich dazu bei, diese Probleme zu reduzieren.

LUFT

Die Wahl deines Essens hat gewaltigen Einfluss auf die Umwelt. Gemäss der Agrarorganisation der UNO verursacht die Nutztier­haltung mehr Treibhausgase als der globale Verkehr – also alle Autos, LKWs, Schiffe und Flugzeuge zusammen. 1 Dies liegt einerseits daran, dass Nutztiere enorme Mengen an Futtermitteln verschlingen. Ausserdem wird in den Mägen von Wiederkäuern Methan produziert wird, das 23-mal so klimawirksam ist wie CO2. Somit hat nicht nur Fleisch eine schlechte Klimabilanz, sondern auch Käse, Butter und Eier. 2 Für eine Person in der Schweiz macht die Ernährung den zweitgrössten Posten bei der Umweltbelastung aus.
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Für eine Person in der Schweiz macht die Ernährung den zweitgrössten Posten bei der Umweltbelastung aus.

Eine pflanzliche Ernährung
schneidet deutlich besser ab und
ist der einfachste Schritt, wenn
wir unseren CO2-Fussabdruck
verbessern wollen.

WARUM IST ES WICHTIG?

Vitamin B12 wird unter anderem für die Zellteilung und die Aufrechterhaltung des Nervensystems benötigt. Ein schwerer Mangel äussert sich durch Blutarmut oder Missempfindungen, so weit kommt es heutzutage zum Glück nur noch selten. Häufig ist jedoch eine leichte Unterversorgung, die keine Symptome verursacht, aber das Risiko für Herzkreislauferkrankungen und Knochenbrüche erhöht.

Das Vitamin B12 wird von Bakterien hergestellt. In pflanzlichen Lebensmitteln ist es praktisch nicht enthalten. Auch in fermentierten Produkten (z.B. Tempeh, Sauerkraut, Bier) oder Algen kommt es nur in Spuren vor. Ausserdem überwiegen “Vitamin-Analoga”, die zwar biochemisch dem Vitamin ähneln, jedoch wirkungslos sind (z.B. in Spirulina). Diese Produkte gelten als unzuverlässige Quellen. Du musst also unbedingt Vitamin B12 supplementieren – auch wenn du dich kerngesund fühlst.

 

KINDER

Unsere Leber kann Vitamin B12 speichern. Erwachsene mit einem gefüllten Speicher können deswegen problemlos auch ein paar Monate ohne zusätzliches auskommen. Dies gilt jedoch nicht für Säuglinge und Kinder, die noch keine Reserven anlegen konnten. Sie müssen von Anfang an und kontinuierlich mit genügend Vitamin B12 versorgt werden, dasselbe gilt in der Schwangerschaft.

 

WIEVIEL BRAUCHT ES?

Der menschliche Körper hat einen Vitamin-B12-Verbrauch von etwa 1 Mikrogramm (µg) pro Tag. Abhängig von der Häufigkeit der Supplementation braucht es unterschiedliche Mengen, um diesen Verlust auszugleichen. Grundsätzlich solltest du darauf achten, dass du die Einnahme von B12 sowie auch anderen Vitaminen nicht über einen längeren Zeitraum zu hoch dosierst. 

Mehrmals pro Tag: Dank dem Intrinsic Factor, einem speziellen Transportmechanismus, reicht eine tägliche Gesamtmenge von 3 µg pro Tag aus, wenn diese über den Tag verteilt aufgenommen wird. Denn der Intrinsic Factor ist umso effizienter, je kleiner die zugeführte Menge ist. Diese Variante kann funktionieren, wenn du viele mit Vitamin B12 angereicherte Nahrungsmittel konsumierst, beispielsweise Sojamilch und Fleischalternativen, oder eine mit Vitamin B12 angereicherte Zahnpasta verwendest. Weil diese Methode jedoch nicht immer funktioniert, empfehlen wir dir in regelmässigen Abständen die Blutwerte überprüfen zu lassen.

Einmal pro Tag: Nimmt man also nur einmal pro Tag das Vitamin zu sich, benötigt es eine grössere Gesamtmenge, wir empfehlen 25 µg. Diese Variante ist verhältnismässig kostspielig, aufwändig und funktioniert nicht immer.

Zweimal pro Woche: Am einfachsten ist das Supplementieren mit hochdosierten Supplementen. Diese nutzen einen zweiten Aufnahmemechanismus, die Diffusion. Eine sehr kleine Menge, ungefähr 1%, bewegt sich auch ohne den Intrinsic Factor durch die Darmwand. Diese Variante funktioniert praktisch immer, auch bei Fehlen des Intrinsic Factors, und ist sehr kostengünstig. Wir empfehlen zweimal pro Woche ein Supplement mit 1000 µg. Eine Überprüfung der Blutwerte ist aus unserer Sicht nicht notwendig, sofern du dich gesund fühlst. Grundsätzlich solltest du darauf achten, dass du die Einnahme von B12 sowie auch anderen Vitaminen nicht über einen längeren Zeitraum zu hoch dosierst. 

Alle drei Monate: Eine Möglichkeit ist es, das Vitamin spritzen zu lassen. Diese Variante ist die sicherste von allen. Du kannst dir die Injektionen in der Arztpraxis geben lassen, dies ist entsprechend teuer, oder zu Hause selber machen.

 

EMPFEHLUNG & SUPPLEMENTIERUNG

Eine Supplementierung von Vitamin B12 ist zwingend um die eigene Gesundheit zu gewährleisten. 

  • Hochdosierte Supplemente: Diese enthalten in der Regel 1000 mcg und es reicht, wenn man sie zweimal pro Woche nimmt. Grundsätzlich solltest du darauf achten, dass du die Einnahme von B12 sowie auch anderen Vitaminen nicht über einen längeren Zeitraum zu hoch dosierst. Das wohl bekannteste Beispiel ist das Produkt von Jarrows, das man sich per eBay nach Hause liefern lassen kann. Es gibt aber mittlerweile diverse Alternativen: Tropfen, Sprays, Tabletten in verschiedenen Dosierungen. Wichtig: Das einzige von der Krankenkasse akzeptierte Supplement in der Schweiz, das entsprechend oft von Ärztinnen und Ärzten verschrieben wird, enthält Laktose und ist damit nicht vegan. Ein Jahresvorrat kostet circa 30 CHF.
  • Injektionen: Vitamin B12 kann auch gespritzt werden, hier reicht eine Gabe alle 3 Monate. Diese Methode ist ebenfalls sehr sicher, manche empfinden jedoch die Injektion als unangenehm brennend. Eine subcutane Verabreichung ist in der Regel schmerzlos, achte darauf ob das Präparat dafür zugelassen ist. Wenn du es dir selber verabreichst ist es eine der günstigsten Varianten, ein Jahresvorrat kostet circa 30 CHF. In der Hausarztpraxis kostet eine Injektion entsprechend mehr, wird jedoch von der Krankenkasse übernommen.

Alternativ funktionieren oft auch diese Varianten, es empfiehlt sich jedoch in regelmässigen Abständen ein Routinecheck mit Blutuntersuchung zur Überprüfung:

  • Zahnpasta: Eine mit Vitamin B12 angereicherte Zahnpasta von Sante ist eine sehr elegante Variante zu supplementieren. Allerdings funktioniert sie nicht in allen Fällen, wir empfehlen eine regelmässige Blutkontrolle.
  • Angereicherte Lebensmittel: Gar nicht so selten werden Lebensmittel mit Vitamin B12 angereichert, insbesondere vegane. Die enthaltene Menge ist allerdings aus rechtlichen Gründen sehr klein, weswegen angereicherte Lebensmittel fix in den Speiseplan integriert werden müssen, beispielsweise Sojamilch. Diese Methode funktioniert nicht in allen Fällen, wir empfehlen eine regelmässige Blutkontrolle.

Nicht empfohlen werden “natürliche” Supplemente: Oft wird behauptet, es gäbe “natürliche” pflanzliche Vitamin-B12-Quellen, beispielsweise Spirulina. Hierbei handelt es sich jedoch nur um einen Stoff, der dem Vitamin B12 sehr ähnlich sieht und die Resultate beim Bluttest verfälscht.

QUELLENVERZEICHNIS ›

LAND

Der Platz auf unserem Planeten ist begrenzt. Mit einer pflanzlichen Ernährung könnten wir einen grossen Teil der Agrarfläche einsparen. Nicht, weil die Tiere selbst so viel Platz beanspruchen (für ein Schwein reichen laut Schweizer Tierschutzgesetz 0.9 m2), sondern weil das Futter für die Tiere so viel Anbaufläche verbraucht. Dies ist vielen von uns aber nicht bewusst, weil der grösste Teil davon im Ausland angebaut wird.

Jedes Jahr werden für den Sojaanbau zum Beispiel in Brasilien gigantische Flächen Regenwald gerodet. Der Löwenanteil der Ernte, 75%, wird anschliessend zu Tierfutter verarbeitet. So importiert die Schweiz jedes Jahr über 300 000 Tonnen Soja als Futtermittel für Hühner, Schweine und Kühe. Der Anteil der Sojaernte, der für Produkte wie Tofu oder Sojamilch verwendet wird, ist daneben verschwindend klein. Zudem stammt das Soja für den direkten menschlichen Verzehr in der Regel aus Bioproduktion und aus europäischem Anbau.

Die Zerstörung des Regenwalds bedeutet neben einem Verlust an Artenvielfalt und der Verdrängung von indigenen Völkern einen enormen Schaden für unser Klima: Denn ein gesunder Regen­wald ist einer der effektivsten CO2­-Senker, die es gibt. Die vielen Pflanzen und speziell die Bodenvegetation speichern das in der Luft vorhandene CO2 und reduzieren so die Konzentration in der Atmosphäre. Werden sie gerodet, entweichen genau diese Mengen an CO2 wieder durch das Verbrennen und wirken als Treibhausgase.

Auch der Konsum von Tierprodukten bei uns in der Schweiz trägt zur massiv voranschreitenden Rodung des Regenwaldes bei. Jährlich
verlieren wir weltweit mehr als
50 000 Quadratkilometer Waldfläche.⁶

WASSER

In grossen Teilen der Erde ist Trinkwasser bereits eine knappe Ressource – und wir tragen eine Mitschuld. Dabei spielt es keine Rolle, wie lange du duschst oder wie oft du badest, denn dieses Wasser stammt aus der Region und bei uns hat es genug. Es wird aber auch Wasser für dich verbraucht, ohne dass du es merkst: für ein Kilo Rindfleisch ( = ca. 1000kcal ) zum Beispiel über 400 Liter Trinkwasser. Nicht weil das Rind so viel trinkt. 98 % verschlingt der Anbau des Futters. Und da wir jedes Jahr Futtermittel aus dem Weltsüden importieren, machen wir dort das Trinkwasser noch knapper, wo es ohnehin schon zu wenig gibt. Auch mit Schweizer Fleisch.

on Dr. Sebastian Leugger (März 2015)

Vegane Ernährung und Ökologie: Falsche Fährten, Fakten, Fantasien

 

Tierbenützung und Tierproduktekonsum waren während Jahrtausenden Teil von nachhaltigen Landwirtschafts- und Ernährungssystemen. Vielen Omnis (Omnis sind Menschen, die Fleisch, Milchprodukte und Eier essen) ist das allein schon Grund genug, Vegane als realitätsfremd und vegane Ernährung als unsinnig zu betrachten. 1 Und spätestens, wenn Vegane über die ökologischen Folgen des Tierproduktekonsums zu reden anfangen, werden auch bedächtigere Omnis skeptisch. Das liegt daran, dass Vegane von der Tierbenützung oft nur das folgende Bild zeichnen.

Vegane erwecken in Diskussionen oft den Eindruck, Tierbenützung und Tierproduktekonsum seien ökologisch derart unsinnig, dass nur eine Reduktion auf Null vertretbar sei.
 

Veredelungsindustrie

Schweinen, Hühnern und Rindern werden in der Schweiz jährlich hunderttausende Tonnen Nahrungsmittel verfüttert – z.B. Soja und Getreide – , um Fleisch, Milch und Eier zu produzieren. Dabei geht ein Grossteil der verfütterten Nährstoffe verloren.

Das Sojamehl im Hühnerfutter enthält z.B. eine bestimmte Menge Eiweiss. Das Huhn wandelt dieses Soja-Eiweiss in Eier um, aber auch in Federn, Knochen, Muskeln, Bewegungsenergie, Körperwärme, Kognition usw. Das Resultat: Von den Eiweissen im Sojamehl landet nur ein Bruchteil in den Eiern, der Rest sind sog. Veredelungsverluste.

Wenn vom Eiweiss des verfütterten Sojamehls in den Eiern noch 50% enthalten ist, spricht man in der Eierbranche von einer hocheffizienten Futterverwertung. 2 Vergleiche: Was sagt die Bäckermeisterin, wenn der Lehrling jeden Morgen die Hälfte des Mehls in die Aare wirft?

 

Veredelungsverluste von 50% sind dabei nicht etwa besonders hoch, sondern besonders tief, und gelten bei eierlegenden Hühnern auch nur während dem üblicherweise einen und einzigen Jahr, in dem sie Eier legen (danach werden sie getötet). Berechnen wir das halbe Jahr mit, in dem sie noch zu jung sind, um Eier zu legen, aber natürlich trotzdem schon Futter brauchen, erhalten wir bei der Eierproduktion gesamthafte Veredelungsverluste um 75% herum. Bei der Milch-, Poulet- und Schweinefleischproduktion gehen gut und gerne 75-80% der Nährstoffe in den verfütterten Nahrungsmitteln verloren, bei der Rindfleischproduktion 90% und mehr. 3

All diese verschwendeten Nahrungsmittel mussten zuvor auf hunderttausenden Hektaren Ackerland im In- und Ausland angebaut werden, was mit erheblichen Umweltbelastungen verbunden ist. Stichworte: Regenwaldabholzung, Monokulturen, übermässiger Pestizid- und Kunstdüngereinsatz, Biodiversitätsverlust, Erosion usw. Hinzu kommen die Mistberge und Gülleseen, die bei der Produktion von Tierprodukten anfallen und die unsere Luft und unsere Gewässer verschmutzen.

Das sind Tatsachen. Viele Omnis wissen das. Trotzdem werden sie skeptisch, wenn die Veganen so reden. Zum Teil liegt das sicher daran, dass es für Omnis nicht angenehm ist, sich mit diesen Tatsachen auseinanderzusetzen. Wichtiger ist aber, dass Omnis sofort ins Auge springt, was Vegane oft hartnäckig verdrängen. Wie anfangs erwähnt: Tierbenützung und Tierproduktekonsum waren während Jahrtausenden Teil von nachhaltigen Landwirtschafts- und Ernährungssystemen. Es kann also nicht sein, dass alles ausser vegane Landwirtschaft und vegane Ernährung die Umwelt zerstört. Die Schweiz ist dafür ein gutes Beispiel. Seit Generationen werden hier Tiere benützt. Unsere Umwelt ist noch weitgehend intakt. – Das Bild, das die Veganen zeichnen, trägt dem nicht Rechnung.

Traditionelle Tierbenützung als Argument für Tierproduktekonsum

Omnis präsentieren die traditionelle Tierbenützung gerne als umweltschonende Alternative zur verschwenderischen Veredelungsindustrie. Das sieht dann etwa so aus:

Omnis erwecken in Diskussionen oft den Eindruck, als könnten mit traditioneller Tierbenützung beliebig viele Tierprodukte relativ umweltschonend hergestellt werden.

Die benützten Tiere ernähren sich nur von dem, was für die Ernährung der benutzenden Tiere (der Menschen) sonst nutzlos wäre: Stroh und andere ungeniessbare Nebenprodukte des Ackerbaus, unvermeidbare Lebensmittelabfälle und v.a. auch Gras, das entweder im Rahmen einer Fruchtfolge auf Ackerland wächst (sog. Kunstwiese), oder auf Boden, der sich nicht für Ackerbau eignet (z.B. Alpweiden).

Traditionelle Tierbenützung nimmt, was für die menschliche Ernährung sonst wertlos ist, und macht daraus etwas essbares. Das ist ökologisch ungleich sinnvoller als die Veredelungsindustrie, die bereits verfügbare Nährstoffe nimmt und daraus weniger verfügbare Nährstoffe macht. – Viele Vegane sind sich dieser Tatsache bewusst, reden aber lieber nicht darüber. Die traditionell nachhaltige Tierbenützung macht ihr einfaches ökologisches Argument für den Veganismus kaputt.

 

Umso lieber reden Omnis über traditionelle Tierbenützung. Einige übertreiben es dabei. Sie argumentieren mit der traditionellen Tierbenützung gegen jede Reduktion des Tierproduktekonsums. Das tönt z.B. so: «Auf den Alpweiden wächst nur Gras, kein Weizen, und schon gar kein Soja. Also geh’ weg mit deinem Seitan und deinem Tofu. Ich bleibe beim Schnitzel.» – Wer so redet, verschliesst die Augen vor einer weiteren Tatsache, die nun wieder von Omnis gerne ignoriert wird:

Auf traditionelle Weise konnte immer nur eine beschränkte Menge Tierprodukte erzeugt werden, ohne die Umwelt übermässig zu belasten. Ackerbau erzeugt nicht unendlich viele ungeniessbare Nebenprodukte wie Stroh, Lebensmittelabfälle sind nur bis zu einem gewissen Punkt unvermeidbar, Fruchtfolgen erfordern nur eine bestimmte Zeit lang Kunstwiese und auch auf Naturwiesen und Weiden wächst nicht beliebig viel Gras. Sind all diese Futterquellen aufgebraucht, ist Schluss mit traditioneller Tierbenützung. Will eine Gesellschaft dann noch mehr Tierprodukte konsumieren – und unsere Gesellschaft will es offenbar seit Jahrzehnten – , geht das nur mit Verfütterung von Nahrungsmitteln oder von Futterpflanzen, die auf dem Ackerland mit Nahrungspflanzen konkurrenzieren. Und schon sind wir wieder bei der Veredelungsindustrie.

Traditionelle Tierbenützung als Argument für «moderaten» Tierproduktekonsum

Viele Omnis wissen um diese Zusammenhänge und sprechen sich deshalb für einen sog. moderaten Tierproduktekonsum aus. Ihr Modell der Wirklichkeit (die Strich-Punkt-Linie in der folgenden Grafik) ist eine Kombination aus dem zu einfachen Bild mancher Veganen und dem zu einfachen Bild mancher Omnis:

Einige Omnis vertreten eine Zwischenposition: “Bis zu einer gewissen Höhe ist Tierproduktekonsum ökologisch vertretbar, darüber wird er schnell unnachhaltig.”

Gemäss diesem Modell ist die Umweltbelastung gering, solange relativ wenig Tierprodukte konsumiert werden (Punkt C oder tiefer). Diese geringe Menge an Tierprodukten kann traditionell hergestellt werden, d.h. mit Gras-, Reste- und Abfallverwertung. Ein höherer Tierproduktekonsum (oberhalb von C) ist dagegen nur möglich, wenn die benützten Tiere mit dem gefüttert werden, was die benützenden Tiere (die Menschen) eigentlich selber essen könnten (z.B. Getreide oder Sojamehl), oder mit Futterpflanzen (z.B. Futtermais), die auf dem Acker Nahrungspflanzen verdrängen. U.a. wegen den Veredelungsverlusten, die dabei enstehen, belasten die so hergestellte Tierprodukte die Umwelt stärker.

 
Das Modell der Omnis, die sich für einen sog. moderaten Tierproduktekonsum aussprechen (Gleiche Grafik wie oben, nur ohne die beiden verworfenen Modelle). Niederländische Wissenschaftlerinnen haben dieses Modell aufgrund von Untersuchungen zur Schweinefleischproduktion aufgestellt.
 

Die Grafik zu diesem Modell stammt ursprünglich aus einem Artikel niederländischer Wissenschaftlerinnnen, die untersuchten, wie sich verschiedene Fütterungsarten auf die Umweltbelastung der Schweinefleischproduktion auswirken. 4 Ihre Ergebnisse waren mit dem Modell vereinbar: Solange die Schweine mit Abfällen, Resten u.ä. gefüttert wurden, war die Umweltbelastung pro Kilogramm produziertes Fleisch gering. Wurden hingegen eigens für die Schweine angebaute Nahrungspflanzen verfüttert, stieg die Umweltbelastung pro Kilogramm produziertes Fleisch stark an.

 

Welches Modell verzerrt mehr?

Omnis, die ein solches Modell vertreten, stören sich manchmal daran, wenn Vegane dieses Modell vereinfachen, indem sie sich an der grünen, geraden Linie in der folgenden Grafik orientieren, anstatt an der geknickten, blauen:

Viele Vegane akzeptieren, dass Tierbenützung nicht mit Veredelungsindustrie gleichgesetzt werden kann, ziehen aber trotzdem ein Modell vor, das den Unterschied zwischen traditioneller Tierbenützung und Veredelungsindustrie nicht hervorhebt.

Das passiert z.B. dann, wenn Vegane offizielle Schätzungen über die negativen Auswirkungen des Tierproduktionssektors nehmen, wie z.B. die 7.1 Gigatonnen CO2-Äquivalente aus dem jüngsten Bericht der FAO zum Thema Tierbenützung und Treibhausgase, und dann so tun, als ob jede Reduktion des Tierproduktekonsums um X% den Ausstoss von CO2-Äquivalenten proportional um X% senken würde, egal wie gross oder klein X ist, und egal wie viele oder wenige Tierprodukte gesamthaft konsumiert werden.

 

Diese Vereinfachung kann den Eindruck erwecken, als wüssten Vegane nicht, dass es auch traditionelle Tierbenützung gibt. Dabei verrechnen sie hier einfach die Umweltbelastung der traditionellen Tierbenützung mit der Umweltbelastung der Veredelungsindustrie. Omnis bemängeln, dass eine solche Mischrechnung die tatsächlichen Verhältnisse verzerre und umweltschonenden Eigenschaften der traditionellen Tierbenützung unterschlage. Ist das eine berechtigte Kritik?

Nein, und zwar aus mindestens zwei unabhängigen Gründen. Der erste: In der Realität gibt es keine scharfe Trennlinie zwischen traditioneller Tierbenützung und Veredelungsindustrie. Klar, es gibt die beiden Extreme: auf der einen Seite ein Kleinbetrieb, der Tiere noch wie vor 200 Jahren hält, und auf der anderen Seite eine industrieller Schweine- oder Hühnermästerei. V.a. in der Schweiz gibt es dazwischen aber viele Mischformen, z.B. IP-Betriebe. Die Umweltbelastungskurve solcher Betriebe ist gemäss den Modellannahmen weder so flach wie die blaue Linie vor dem Knick (zwischen A und C), noch so steil wie nach dem Knick (zwischen C und F), sondern irgendwo dazwischen und z.T gerade so steil wie die grüne Linie, an der sich viele Vegane orientieren.

Die allermeisten Landwirtschaftsbetriebe praktizieren eine Mischform aus traditioneller Tierbenützung und Veredelungsindustrie. Wären die Annahmen des Modells grundsätzlich richtig, würde die tatsächliche Kurve also irgendwo zwischen der Mischrechnung der Veganen und der scharf getrennten Rechnung der Omnis verlaufen.

Man tut also den allermeisten real existierenden Landwirtschaftsbetrieben kein Unrecht an, wenn man sie nicht eindeutig entweder der traditionellen Tierbenützung oder der Veredelungsindustrie zuordnet. Omnis, die auf einer scharfen Trennung beharren, verzerren die Wirklichkeit jedenfalls etwa gleich stark, wie Vegane, die alle Betriebe über einen Leisten schlagen.

Klimawandel mischt die Karten neu

Der zweite und wichtigere Grund, warum die vegane Mischrechnung die umweltschonenden Eigenschaften der traditionellen Tierbenützung nicht unterschlägt, ist, dass es da leider nicht mehr viel zu unterschlagen gibt. Mit anderen Worten: Die Modellannahmen der Omnis, die sich für die traditionelle Tierbenützung und einen sog. moderaten Tierproduktekonsum einsetzen, sind in relevanter Hinsicht nicht richtig. Es stimmt zwar: Traditionelle Tierbenützung war während Jahrtausenden vielerorts nachhaltig, so auch in der Schweiz. U.a. wegen der Klimaerwärmung hat sich die Ausgangslage aber z.T. radikal verändert. Das beste Beispiel dafür ist die traditionelle Benützung von Rindern und Kühen.

Als der menschgemachte Klimawandel noch kein Thema war, konnte man einem Rind ohne ökologische Bedenken zwei, drei Jahre Zeit lassen, um Gras zu essen und Gewicht zuzulegen, bevor man es dann tötete und aufass. Dass der Verdauungsapparat des Rindes während dieser ganzen Zeit Methan produzierte, war kein Problem. Heute ist es ein Problem.

Methan ist ein potentes Treibhausgas, und jede Möglichkeit, Methanemissionen zu reduzieren, muss ernsthaft geprüft werden. Nun hat eine Studie des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL) in Frick gezeigt, dass die traditionelle Benützung von Rindern pro Kilogramm produziertes Fleisch höhere Methanemissionen hat als die Benützung von Rindern in Produktionssystemen, die sich stärker an die Veredelungsindustrie anlehnen. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Rinder mit dem Futter der Veredelungsindustrie schneller Gewicht zulegen und deshalb früher getötet werden, d.h. weniger lang leben und darum weniger Methan produzieren.

Da umgekehrt bei reiner Grasverwertung die Treibhausgasemissionen aus dem Kraftuffteranbau wegfallen, ist der Unterschied zwischen traditioneller Benützung und Veredelungsindustrie in der allgemein üblichen Treibhausgas-Mischrechnung (sog. CO2-Äquivalente) weniger gross als beim Methan allein, aber gesamthaft schneidet die rein graslandbasierte Benützung von Rindern immer noch schlechter ab als eine Benützung, die viel Kraftfutter einsetzt.

Und wie gesagt: Diese Zahlen stammen aus einer Studie des FiBL in Frick. Frick ist in der Schweiz. Die 57 für die Studie untersuchten Betriebe sind alle in der Schweiz. Dieses Ergebnis gilt also für die Schweiz. Ein Stück Fleisch von einem Rind aus traditioneller Schweizer Weidehaltung hat höhere Treibhausgasemissionen als ein Stück Fleisch von einem Rind, dem hier in der Schweiz grosse Mengen Nahrungsmittel wie Getreide und importiertes Soja verfüttert wurden, und zwar auch dann, wenn alle Treibhausgasemissionen einberechnet werden, die z.B. der Anbau dieses Sojas im Ausland verursacht hat.

 

Da Soja für viele ökologisch interessierte Omnis ein Reizwort ist, lohnt es sich vielleicht, das noch etwas deutlicher zu machen. Stellen Sie sich ein Stück Fleisch von einem Rind aus Intensivmast vor, dessen Futterration bis zu 20% aus importiertem Soja besteht. – Denken Sie jetzt nicht daran, dass man dieses Soja auch direkt für die menschliche Ernährung verwenden könnte, oder daran, dass durch die Verfütterung an das Rind 90% und mehr der im Soja enthaltenen Nährstoffe verloren gehen. – Führen Sie sich stattdessen die Treibhausgasemissionen vor Augen, die mit der Produktion dieses Stücks Fleisch verbunden sind, und zwar alle, d.h. inkl. Treibhausgasemissionen im Zusammenhang mit dem Sojaanbau im Ausland, inkl. Regenwaldabholzung. – Nun, die Treibhausgasemissionen eines Stücks Fleisch von einem Rind aus traditioneller Schweizer Weidehaltung sind höher.5

Diese Zusammenhänge gelten grundsätzlich nicht nur für die Rindfleisch-, sondern auch für die Milchproduktion. Die genauen Zahlen können sich unterscheiden (ich habe dazu keine wissenschaftliche Studie zur Hand), aber das Prinzip ist das gleiche: Ohne Kraftfutter, d.h. nur mit Gras, hat eine Kuh länger, um einen Liter Milch zu produzieren und das führt zu höheren Methanemissionen pro Kilogramm Milch.

Ohne entsprechende Studien lässt sich keine Aussage darüber machen, ob die höheren Methanemissionen der langsameren, rein grasbasierten Milchproduktion von den tieferen Treibhausgasemissionen durch Verzicht auf Kraftutter aufgewogen werden oder nicht, aber es kann auf jeden Fall nicht davon ausgegangen werden, dass Grasmilch pro Kilogramm bei den Treibhausgasen besser, geschweige denn wesentlich besser abschneidet als Milch, die mit viel Kratfuttereinsatz hergestellt wurde.

Tierproduktekonsum in der Schweiz

Das von einigen Omnis allgemein vorausgesetzte Modell der niederländischen Wissenschaftlerinnen ist hier also nicht angemessen. Wenn man bedenkt, dass es in der niederländischen Studie um Schweinefleischproduktion ging, ist das eigentlich nicht erstaunlich. Im Unterschied zu Gras, dem traditionellen Futter der Rinder und Kühe, sind Reste und Lebensmittelabfälle, das traditionelle Futter der Schweine, schon ziemlich energiedicht, d.h. Schweine legen mit traditionellem Futter nicht viel weniger schnell Gewicht zu als mit dem Kraftfutter der Veredelungsindustrie. Weiterhin ist bei traditionell benützten Schweinen Methanproduktion kein grosses Thema. Es ist deshalb plausibel, dass der Treibhausgasausstoss pro Kilogramm produziertes Schweinefleisch bei traditioneller Fütterung tiefer ist, als wenn ihnen Nahrungsmittel wie Soja und Getreide verfüttert werden.

Die einfache Gleichung «traditionelle Benützung + moderater Konsum = nachhaltig» gilt also vielleicht bei Schweinefleisch, aber nicht bei Tierprodukten im allgemeinen, insbesondere nicht bei Produkten von Rindern und Kühen. – Was ist die Relevanz dieses Ergebnisses für den Tierproduktekonsum in der Schweiz?

 
Von den in der Schweiz konsumierten tierlichen Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten stammen fast 75% von Kühen und Rindern (ca. 65% von Milchprodukten). Die restlichen gut 25% kommen von allen anderen Tierprodukten.

Von den tierlichen Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten, die in der Schweiz konsumiert werden, stammen fast 75% von Kühen und Rindern (ca. 10% von Rind- und Kalbfleisch und 65% von Milchprodukten). Alle anderen tierlichen Nährstoffe, inkl. jene aus Schweine- und Geflügelfleisch, Vogeleiern und Fischen, machen zusammen nur gut 25% aus. 6

 
Ungefähre Verhältnissangaben zu den Treibhausgasemissionen für die in der Schweiz konsumierten Tierprodukte. Bei den Kühen und Rindern (Milch- und Fleischproduktion) dominiert die traditionelle Grasverwertung, die v.a. wegen der Methanproduktion in Rindermägen hohe Treibhausgasemissionen verursacht. Bei allen anderen Tierprodukten dominiert die Veredelungsindustrie, die v.a. wegen dem Kraftfutteranbau auf Ackerland hohe Treibhausgasemissionen hat.

Die Nährstoffe, die von Kühen und Rindern kommen, werden dabei mehrheitlich mit Grasverwertung erzeugt (was nicht heisst, dass absolut gesehen wenig Ackerfrüchte an Rinder und Kühe verfüttert würden; wir haben so viele Kühe und Rinder, dass auch ein relativer kleiner Ackerfrüchte-Anteil im Futter absolut noch viel ausmacht), während die Nährstoffe, die von allen anderen Tieren kommen, mehrheitlich nach den Prinzipien der Veredelungsindustrie hergestellt werden (was nicht heisst, dass z.B. in der Schweinemast keine Abfall- und Resteverwertung stattfindet; wir haben so viele Schweine, dass wir trotz Abfall- und Resteverwertung noch grosse Mengen Ackerfrüchte verfüttern).7

Bei der traditionellen Tierbenützung in der Schweiz dominiert die Grasverwertung durch Rinder (inkl. Milchkühe), und auch beim Konsum dominieren Produkte von Rindern (inkl. Milchkühen). Gerade diese Form der traditionellen Tierbenützung und damit der Konsum dieser Tierprodukte hat von den Treibhausgasemissionen her aber keinen Vorteil gegenüber Produktionssystemen, die sich stärker an die Veredelungsindustrie anlehnen.

Bei den Kühen und Rindern also, wo traditionelle Fütterung von den Treibhausgasen her keinen Vorteil hat, ist die Bedeutung der traditionellen Fütterung gross, während z.B. bei den Schweinen, wo traditionelle Fütterung mutmasslich deutlich geringere Treibhausgasemissionen hat, die Veredelungsindustrie dominiert.

Gesamthaft ergibt sich aus diesen Überlegungen ein Bild, das der veganen Vereinfachung viel näher kommt als der geknickten Kurve jener Omnis, die sich für die traditionelle Tierbenützung stark machen.

 

Was tun?

Die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO) zieht in manchen ihrer Publikationen aus ähnlichen Überlegungen einen überraschenden Schluss: «Ersetzen wir dem Klima zuliebe weltweit die traditionelle Tierbenützung – v.a. die von Rindern und Kühen – durch noch mehr Veredelungsindustrie!»8 Dieser Schluss widerspricht unseren Öko-Intuitionen, ist aber nachvollziehbar, wenn man – wie die FAO in diesen Publikationen – eine dumme Prämisse voraussetzt, nämlich: «Lasst uns in Zukunft auf keinen Fall weniger Tierprodukte konsumieren als bisher!»

Lassen wir diese Prämisse fallen, lautet der Schluss sowohl aus den hohen Methanemissionen der traditionellen Benützung von Rindern und Kühen als auch aus den hohen Treibhausgasemissionen des Futtermittelanbaus für die Veredelungsindustrie: «Lasst uns weniger Tierprodukte konsumieren (egal mit welchem System sie produziert wurden)!» Und von da ist es für experimentierfreudige Leute nur noch ein kleiner Schritt zu: «Lasst uns gar keine Tierprodukte mehr konsumieren!»

Die Vertreterinnen und Vertreter der traditionellen Tierbenützung können sich jedenfalls nicht beklagen, wenn «ihre» Treibhausgasemissionen mit jenen der Veredelungsindustrie verrechnet werden. Und sie müssen sich nicht wundern, dass ökologisch motivierte Konsumentinnen und Konsumenten nicht nur die Produkte der Veredelungsindustrie ablehnen, sondern auch Grasmilch, Alpkäse und Bio-Weide-Beef meiden.

 

Die traditionelle Tierbenützung, insbesondere von Rindern und Kühen, ist im Kontext des Klimawandels nicht mehr einfach ohne weiteres nachhaltig. Vorübergehend (d.h. bis die Gefahr des Klimawandels gebannt ist) ist sie wegen den hohen Methanemissionen pro Einheit Fleisch und Milch ökologisch vielleicht sogar noch weniger nachhaltig als die Veredelungsindustrie. Das ist weder fair noch gerecht, und die Tiere auf der Weide können dafür von allen Beteiligten am wenigsten, aber es ist halt trotzdem so, liebe Anita Idel. 9

Die von Omnis häufig vorausgesetzten Modellannahmen machen im Kontext des Klimawandels nur noch beschränkt Sinn. Sie machen Sinn, wenn wir an historischen Entwicklungen interessiert sind, und sie machen Sinn, wenn wir über eine utopische Zukunft phantasieren wollen, in der der Klimawandel keine Rolle mehr spielt und in der deshalb die hohen Methanemissionen der traditionellen Rinder- und Kuhbenützung ignoriert werden können.

Weiterhin macht es Sinn, sich mit den Modellannahmen und ihrer Berechtigung auseinanderzusetzen, wenn wir um ein ganzheitliches Verständnis von Umweltbelastung und Nachhaltigkeit bemüht sind – Treibhausgasemissionen sind da schliesslich nicht das einzige Thema. Andere Themen sind: Biodiversität, Boden-, Wasser-, Luftqualität, Abhängigkeit von nicht-erneuerbaren Energieträgern usw.

Die traditionelle Tierbenützung der Schweiz schneidet bei einigen dieser Kriterien besser ab als die Veredelungsindustrie. Aber angesichts des Klimawandels macht es ökologisch keinen Sinn, immer nur zwischen traditioneller Tierbenützung und Veredelungsindustrie abzuwägen. Tierbenützung – egal in welcher Form – kann heute nicht mehr unhinterfragt als Teil unseres Landwirtschafts- und Ernährungssystems gelten. Wir müssen uns als Gesellschaft ernsthaft mit den veganen Alternativen beschäftigen – und zwar nicht nur in der Ernährung, sondern auch in der Landwirtschaft.

Sich ernsthaft mit Alternativen beschäftigen schliesst nicht aus, dass man die Alternativen am Ende verwirft. Es schliesst bloss aus, dass man sie schon am Anfang verwirft. In diesem Sinn plädiert dieser Text dafür, dass wir als Gesellschaft anfangen, die veganen Alternativen ernsthaft zu prüfen – und zwar, wie gesagt, nicht nur in der Ernährung, sondern auch in der Landwirtschaft.

Auf fruchtbare Diskussionen!


Anmerkungen

 

1 Traditionelle Tierbenützung und traditioneller Tierproduktekonsum waren über die Jahrtausende auch immer wieder Teil von z.T. katastrophal nicht-nachhaltigen Landwirtschafts- und Ernährungssystemen, so z.B. bei den Wikingern in Grönland, die sich anstatt wie die Inuit von Fisch und Robben lieber wie ihre Vorfahren in Norwegen von Rindfleisch und Milchprodukten ernährten und zusammen mit dieser Ernährungsweise untergingen, als die kleine Eiszeit kam. Andere Gesellschaften überlebten andere Herausforderungen (z.B. hohe Bevölkerungsdichte) nur, weil sie ihre Tierbenützung und ihren Tierproduktekonsum radikal umstellten, so z.B. die Stammesgesellschaft auf der polynesischen Insel Tikopia: «A momentous decision taken consciously around a.d. 1600, and recorded in oral traditions but also attested archeaologiacally, was the killing of every pig on the island, to be replaced as protein sources by an increase in consumption of fish, shellfish, and turtles. According to Tikapians’ accounts, their ancestors had made that decision because pigs raided and rooted up gardens, competed with humans for food, were an inefficient means to feed humans (it takes about 10 pounds of vegetables edible to humans to produce just one pound of pork), and had become a luxury food for the chiefs.» Vgl. zum Zitat, zu den Wikingern und zu vielen weiteren Fallbeispielen: Jared Diamond (2005), Collapse. How Societies Choose to Fail or Succeed (dieses Buch gibt es auch in Deutscher Übersetzung bei Fischer Taschenbuch; Titel: «Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen»).

 

2 Wenn das eierlegende Huhn nach seiner Tötung (i.d.R. nach ca. 1.5 Lebensjahren und 300 gelegten Eiern) nicht im Abfall landet oder zu Biogas verarbeitet wird, sondern als sog. Suppenhuhn Verwendung findet, gehen weniger Nährstoffe aus dem Sojamehl verloren. In Prozenten macht das allerdings kaum etwas aus, da die paar hundert Gramm Fleisch, die ein Suppenhuhn auf die Waage bringt, ins Verhältnis gesetzt werden müssen zu all dem Sojamehl, das es in seinem Leben gefuttert hat. Handgelenk mal Pi gerechnet: 300 mittelgrosse Eier haben etwa ein Gesamtgewicht von 18kg, ein Suppenhuhn ergibt max. 1kg Fleisch. Wurden die 300 Eier mit «hocheffizienter» Futterverwertung erzeugt, wurden dafür etwa 36kg Sojamehl verfüttert. Zusammen mit dem Suppenhuhn-Fleisch ergibt sich also eine Futtereffizienz von 19/36 (52.8%) anstatt 18/36 (50%). (Für die spitzfindigen LeserInnen: Ja, kein Huhn erhält nur Sojamehl zu futtern. Aber für den Anteil Sojamehl im Hühnerfutter gelten diese Verhältniszahlen trotzdem: Ungefähr 50% der im Sojamehl enthaltenen Nährstoffe gehen mindestens verloren. Was nicht gilt, ist der Umkehrschluss: Weil das Huhn einen Teil seiner Nährstoffe anders als mit Sojamehl deckt, stehen nicht jedem 60-Gramm-Ei 120 Gramm Sojamehl oder mehr gegenüber. Aber eben: 120 Gramm verfüttertes Sojamehl ergeben maximal 60 Gramm Ei. D.h. auch wenn ein Bauer die Hühner v.a. mit Abfällen ernährt und «nur ganz wenig» Soja oder Getreide verfüttert: mindestens die Hälfte davon geht verloren. Auch wenn er auf seinem Betrieb nur 100 kg Sojamehl pro Jahr verfüttert: 50 kg sind zum Fenster hinausgeworfen. Für noch spitzfindigere LeserInnen: Ja, Sojamehl hat nicht genau die gleichen Nährstoffzusammensetzung wie Eier oder sog. «Althennenfleisch», d.h. die Handgelenk-mal-Pi-Rechnung oben gibt nur Auskunft über die Grössenordnung der Veredelungsverluste, erlaubt aber z.B. keine exakten Eiweiss-Wertigkeits-Vergleiche. Für noch mehr omnivore Spitzfindigkeit vgl. das untenstehende Buch.)

 

3 Vgl. Simon Fairlie (2010), Meat. A Benign Extravagance, White River Junction, Kaptiel 3.

 

4 Elferink, E.V., Nonhebel, S., Moll, H.C. (2007), «Feeding Livestock Food Residue and the Consequences for the Environmental Impact of Meat», Journal of Cleaner Production, xx, 1-7.

 

5 Vgl. Matthias Meier, Daniel Böhler, Stefan Hörtenhuber, Florian Leiber, Eric Meili, Bernadette Oehen (2014), «Nachhaltigkeitsbeurteilung von Schweizer Rindfleischproduktionssystemen verschiedener Intensität», Forschungsinstitut für Biologischen Landbau Schweiz, Frick. Daraus (S. 25) die Grafik mit den drei Balkendiagrammen. Die Tabelle mit den Angaben zum maximalen Anteil Soja in der Futterration ist auf Seite 21.

 
Links die Treibhausgasemissionen pro kg Rindfleisch aus Bio-Weidehaltung, in der Mitte aus TerraSuisse Betrieben (IP Suisse), rechts aus Betrieben, die nur die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllen müssen.

6 Diese Prozentangaben habe ich anhand der Zahlen der Proviande zum Fleisch- und Fischkonsum (61 kg, davon 14.5 kg von Rindern und Kälbern), den Zahlen der Swissmilk zum Milchproduktekonsum (376 kg Milch) und den Zahlen der Gallosuisse zum Eierkonsum (174 Eier) errechnet (alle Zahlen verstehen sich pro Kopf und Jahr). Ich habe dabei folgende vereinfachende Annahmen getroffen: 1 kg Fleisch oder Fisch enthält 200 g Protein, 150 g Fett und 0 g Kohlenhydrat, 1 kg Rohmilch enthält 35 g Protein, 42 g Fett und 48 g Kohlenhydrat, ein Ei wiegt 60 g und enthält 7.2 g Protein, 6.6 g Fett und 0.4 g Kohlenhydrat. In der Schweiz werden demnach pro Kopf und Jahr ca. 52 kg Nährstoffe (16 kg Protein, 18 kg Fett, 18 kg Kohlenhydrat) von Rindern und Kühen konsumiert. Der grösste Teil dieser Nährstoffe – 47 kg – kommt dabei von der Kuhmilch (13 kg Protein, 16 kg Fett, 18 kg Kohlenhydrat). Dagegen geben alle konsumierten Tierprodukte ausser Milch, Kalb- und Rindfleisch nur ca. 18 kg Nährstoffe her (10 kg Protein, 8 kg Fett, 73 g Kohlenhydrat).

 
 

8 Vgl. Fairlie (2010), insbesondere Kapitel 3 und Kapitel 13.

 

9 Anita Idel hat ein Buch geschrieben, das in Öko-Kreisen viel Beachtung fand und das von Omnis gerne als Argument angeführt wird, wenn sie davon gehört haben: «Die Kuh ist kein Klima-Killer!» Als Veganer, der das Buch von vorne bis hinten mit Interesse gelesen hat, dünkt es mich als Verteidigung der Rinder- und Kuhhaltung im Kontext der Klimadebatte etwa so überzeugend wie «Guns don’t kill people. People kill people» als Verteidigung einer Wildwest-Waffenkultur. Anita Idel stellt sich rhetorisch auf groteske Weise schützend vor die Kühe und verteidigt sie gegen die Verunglimpfung, sie seien Klima-Killer. Wie als ob es die Kühe kränken würde, wenn wir sie für den Klimawandel mitverantwortlich machen, und als ob sie nichts lieber möchten, als weiterhin von uns für ihr Fleisch, ihre Milch und ihren Mist benützt zu werden. Dieser rhetorische Schwenk ist zwar grotesk, aber nachvollziehbar. Anita Idel hat als Vertreterin der traditionellen Tierbenützung Mühe damit, dass das, was früher vielerorts nachhaltig war, jetzt plötzlich nicht mehr nachhaltig sein soll. Am meisten, so scheint es, wurmt sie (und auch Simon Fairlie, dessen oben erwähntes Buch in eine ähnliche Richtung geht), dass am ganzen Schlamassel eigentlich alle anderen Schuld sind: die Autofahrerinnen, die Vielfliger, die Stadtbewohnerinnen, die Konsumjunkies und v.a. die Kohle- und Erdölindustrie. Alle sind Schuld am Klimawandel, nur nicht die traditionellen Tierbenützerinnen und Tierbenützer, die – so scheint es – schon seit den Anfängen der Landwirtschaft vor 10’000 Jahren immer gegen alles Neue waren. Und jetzt sollen sie mithelfen, die Suppe auszulöffeln, die uns diese ganze Modernisierung eingebrockt hat? Denkste. Das sollen die anderen machen. Auch am FiBL, dem Forschungsinstitut für Biologischen Landbau in Frick war an einer Tagung zum Thema Veganismus letzthin dieses Argument zu hören: «Nicht das Rind, sondern zu viele Rinder sind ein Problem.» Gemeint ist damit scheinbar immer: «Nicht unsere Rinder sind das Problem, sondern die Rinder der anderen.»– Nein, liebe Vertreterinnen und Vertreter der traditionellen Tierbenützung: Auch «eure» Rinder sind Teil des Problems, und so schwer es auch sein mag, das zu akzeptieren, ist jedes einzelne «eurer» Rinder für den Klimawandel wahrscheinlich sogar ein grösseres Problem als jedes einzelne Rind aus einer intensiven, kraftfutterbasierten Haltung. Ihr müsst deswegen ja nicht mehr Kraftfutter einsetzen. Das ist bloss die dumme Schlussfolgerung der FAO. Wie wäre es stattdessen, zu einem weitgehend viehlosen, vielleicht sogar zu einem bio-veganen Betrieb überzugehen? Vielleicht wäre es immerhin ein Gedanke wert.

 

Sebastian Leugger, Philosoph, ist seit 2010 bei tier-im-fokus.ch aktiv, besitzt ein Wirtepatent und hat mit Projekt Habakuk zweieinhalb Jahre lang vegane Gastronomie gemacht. Er arbeitet zusammen mit seinem Bruder und anderen am Aufbau der Plattform Veganaut.net, schreibt Texte und gibt Kurse und Vorträge an Fachhochschulen, Unis und Mittelschulen.

UMWELT & IMPACT

Eine vegane Lebensweise schont die Umwelt, denn die veganen Nahrungsmittel landen ohne Umweg über das Tier auf dem Teller. Riesige Monokulturen für den Futtermittelanbau verschlingen enorme Mengen an Ressourcen wie Wasser und Land. Sensible Ökosysteme werden zerstört und verschmutzt, Regenwald wird abgeholzt zu Gunsten von Weide- und Futteranbauflächen. Wasser, Land, Luft und Klima werden durch Schadstoffe und andere Nebenprodukte aus der Nutztierhaltung belastet. Die vegane Lebensweise trägt massgeblich dazu bei, diese Probleme zu reduzieren.

LUFT

Die Wahl deines Essens hat gewaltigen Einfluss auf die Umwelt. Gemäss der Agrarorganisation der UNO verursacht die Nutztier­haltung mehr Treibhausgase als der globale Verkehr – also alle Autos, LKWs, Schiffe und Flugzeuge zusammen. 1 Dies liegt einerseits daran, dass Nutztiere enorme Mengen an Futtermitteln verschlingen. Ausserdem wird in den Mägen von Wiederkäuern Methan produziert wird, das 23-mal so klimawirksam ist wie CO2. Somit hat nicht nur Fleisch eine schlechte Klimabilanz, sondern auch Käse, Butter und Eier. 2 Für eine Person in der Schweiz macht die Ernährung den zweitgrössten Posten bei der Umweltbelastung aus.
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Für eine Person in der Schweiz macht die Ernährung den zweitgrössten Posten bei der Umweltbelastung aus.

Eine pflanzliche Ernährung
schneidet deutlich besser ab und
ist der einfachste Schritt, wenn
wir unseren CO2-Fussabdruck
verbessern wollen.

WARUM IST ES WICHTIG?

Vitamin B12 wird unter anderem für die Zellteilung und die Aufrechterhaltung des Nervensystems benötigt. Ein schwerer Mangel äussert sich durch Blutarmut oder Missempfindungen, so weit kommt es heutzutage zum Glück nur noch selten. Häufig ist jedoch eine leichte Unterversorgung, die keine Symptome verursacht, aber das Risiko für Herzkreislauferkrankungen und Knochenbrüche erhöht.

Das Vitamin B12 wird von Bakterien hergestellt. In pflanzlichen Lebensmitteln ist es praktisch nicht enthalten. Auch in fermentierten Produkten (z.B. Tempeh, Sauerkraut, Bier) oder Algen kommt es nur in Spuren vor. Ausserdem überwiegen “Vitamin-Analoga”, die zwar biochemisch dem Vitamin ähneln, jedoch wirkungslos sind (z.B. in Spirulina). Diese Produkte gelten als unzuverlässige Quellen. Du musst also unbedingt Vitamin B12 supplementieren – auch wenn du dich kerngesund fühlst.

 

KINDER

Unsere Leber kann Vitamin B12 speichern. Erwachsene mit einem gefüllten Speicher können deswegen problemlos auch ein paar Monate ohne zusätzliches auskommen. Dies gilt jedoch nicht für Säuglinge und Kinder, die noch keine Reserven anlegen konnten. Sie müssen von Anfang an und kontinuierlich mit genügend Vitamin B12 versorgt werden, dasselbe gilt in der Schwangerschaft.

 

WIEVIEL BRAUCHT ES?

Der menschliche Körper hat einen Vitamin-B12-Verbrauch von etwa 1 Mikrogramm (µg) pro Tag. Abhängig von der Häufigkeit der Supplementation braucht es unterschiedliche Mengen, um diesen Verlust auszugleichen. Grundsätzlich solltest du darauf achten, dass du die Einnahme von B12 sowie auch anderen Vitaminen nicht über einen längeren Zeitraum zu hoch dosierst. 

Mehrmals pro Tag: Dank dem Intrinsic Factor, einem speziellen Transportmechanismus, reicht eine tägliche Gesamtmenge von 3 µg pro Tag aus, wenn diese über den Tag verteilt aufgenommen wird. Denn der Intrinsic Factor ist umso effizienter, je kleiner die zugeführte Menge ist. Diese Variante kann funktionieren, wenn du viele mit Vitamin B12 angereicherte Nahrungsmittel konsumierst, beispielsweise Sojamilch und Fleischalternativen, oder eine mit Vitamin B12 angereicherte Zahnpasta verwendest. Weil diese Methode jedoch nicht immer funktioniert, empfehlen wir dir in regelmässigen Abständen die Blutwerte überprüfen zu lassen.

Einmal pro Tag: Nimmt man also nur einmal pro Tag das Vitamin zu sich, benötigt es eine grössere Gesamtmenge, wir empfehlen 25 µg. Diese Variante ist verhältnismässig kostspielig, aufwändig und funktioniert nicht immer.

Zweimal pro Woche: Am einfachsten ist das Supplementieren mit hochdosierten Supplementen. Diese nutzen einen zweiten Aufnahmemechanismus, die Diffusion. Eine sehr kleine Menge, ungefähr 1%, bewegt sich auch ohne den Intrinsic Factor durch die Darmwand. Diese Variante funktioniert praktisch immer, auch bei Fehlen des Intrinsic Factors, und ist sehr kostengünstig. Wir empfehlen zweimal pro Woche ein Supplement mit 1000 µg. Eine Überprüfung der Blutwerte ist aus unserer Sicht nicht notwendig, sofern du dich gesund fühlst. Grundsätzlich solltest du darauf achten, dass du die Einnahme von B12 sowie auch anderen Vitaminen nicht über einen längeren Zeitraum zu hoch dosierst. 

Alle drei Monate: Eine Möglichkeit ist es, das Vitamin spritzen zu lassen. Diese Variante ist die sicherste von allen. Du kannst dir die Injektionen in der Arztpraxis geben lassen, dies ist entsprechend teuer, oder zu Hause selber machen.

 

EMPFEHLUNG & SUPPLEMENTIERUNG

Eine Supplementierung von Vitamin B12 ist zwingend um die eigene Gesundheit zu gewährleisten. 

  • Hochdosierte Supplemente: Diese enthalten in der Regel 1000 mcg und es reicht, wenn man sie zweimal pro Woche nimmt. Grundsätzlich solltest du darauf achten, dass du die Einnahme von B12 sowie auch anderen Vitaminen nicht über einen längeren Zeitraum zu hoch dosierst. Das wohl bekannteste Beispiel ist das Produkt von Jarrows, das man sich per eBay nach Hause liefern lassen kann. Es gibt aber mittlerweile diverse Alternativen: Tropfen, Sprays, Tabletten in verschiedenen Dosierungen. Wichtig: Das einzige von der Krankenkasse akzeptierte Supplement in der Schweiz, das entsprechend oft von Ärztinnen und Ärzten verschrieben wird, enthält Laktose und ist damit nicht vegan. Ein Jahresvorrat kostet circa 30 CHF.
  • Injektionen: Vitamin B12 kann auch gespritzt werden, hier reicht eine Gabe alle 3 Monate. Diese Methode ist ebenfalls sehr sicher, manche empfinden jedoch die Injektion als unangenehm brennend. Eine subcutane Verabreichung ist in der Regel schmerzlos, achte darauf ob das Präparat dafür zugelassen ist. Wenn du es dir selber verabreichst ist es eine der günstigsten Varianten, ein Jahresvorrat kostet circa 30 CHF. In der Hausarztpraxis kostet eine Injektion entsprechend mehr, wird jedoch von der Krankenkasse übernommen.

Alternativ funktionieren oft auch diese Varianten, es empfiehlt sich jedoch in regelmässigen Abständen ein Routinecheck mit Blutuntersuchung zur Überprüfung:

  • Zahnpasta: Eine mit Vitamin B12 angereicherte Zahnpasta von Sante ist eine sehr elegante Variante zu supplementieren. Allerdings funktioniert sie nicht in allen Fällen, wir empfehlen eine regelmässige Blutkontrolle.
  • Angereicherte Lebensmittel: Gar nicht so selten werden Lebensmittel mit Vitamin B12 angereichert, insbesondere vegane. Die enthaltene Menge ist allerdings aus rechtlichen Gründen sehr klein, weswegen angereicherte Lebensmittel fix in den Speiseplan integriert werden müssen, beispielsweise Sojamilch. Diese Methode funktioniert nicht in allen Fällen, wir empfehlen eine regelmässige Blutkontrolle.

Nicht empfohlen werden “natürliche” Supplemente: Oft wird behauptet, es gäbe “natürliche” pflanzliche Vitamin-B12-Quellen, beispielsweise Spirulina. Hierbei handelt es sich jedoch nur um einen Stoff, der dem Vitamin B12 sehr ähnlich sieht und die Resultate beim Bluttest verfälscht.

QUELLENVERZEICHNIS ›

LAND

Der Platz auf unserem Planeten ist begrenzt. Mit einer pflanzlichen Ernährung könnten wir einen grossen Teil der Agrarfläche einsparen. Nicht, weil die Tiere selbst so viel Platz beanspruchen (für ein Schwein reichen laut Schweizer Tierschutzgesetz 0.9 m2), sondern weil das Futter für die Tiere so viel Anbaufläche verbraucht. Dies ist vielen von uns aber nicht bewusst, weil der grösste Teil davon im Ausland angebaut wird.

Jedes Jahr werden für den Sojaanbau zum Beispiel in Brasilien gigantische Flächen Regenwald gerodet. Der Löwenanteil der Ernte, 75%, wird anschliessend zu Tierfutter verarbeitet. So importiert die Schweiz jedes Jahr über 300 000 Tonnen Soja als Futtermittel für Hühner, Schweine und Kühe. Der Anteil der Sojaernte, der für Produkte wie Tofu oder Sojamilch verwendet wird, ist daneben verschwindend klein. Zudem stammt das Soja für den direkten menschlichen Verzehr in der Regel aus Bioproduktion und aus europäischem Anbau.

Die Zerstörung des Regenwalds bedeutet neben einem Verlust an Artenvielfalt und der Verdrängung von indigenen Völkern einen enormen Schaden für unser Klima: Denn ein gesunder Regen­wald ist einer der effektivsten CO2­-Senker, die es gibt. Die vielen Pflanzen und speziell die Bodenvegetation speichern das in der Luft vorhandene CO2 und reduzieren so die Konzentration in der Atmosphäre. Werden sie gerodet, entweichen genau diese Mengen an CO2 wieder durch das Verbrennen und wirken als Treibhausgase.

Auch der Konsum von Tierprodukten bei uns in der Schweiz trägt zur massiv voranschreitenden Rodung des Regenwaldes bei. Jährlich
verlieren wir weltweit mehr als
50 000 Quadratkilometer Waldfläche.⁶

WASSER

In grossen Teilen der Erde ist Trinkwasser bereits eine knappe Ressource – und wir tragen eine Mitschuld. Dabei spielt es keine Rolle, wie lange du duschst oder wie oft du badest, denn dieses Wasser stammt aus der Region und bei uns hat es genug. Es wird aber auch Wasser für dich verbraucht, ohne dass du es merkst: für ein Kilo Rindfleisch ( = ca. 1000kcal ) zum Beispiel über 400 Liter Trinkwasser. Nicht weil das Rind so viel trinkt. 98 % verschlingt der Anbau des Futters. Und da wir jedes Jahr Futtermittel aus dem Weltsüden importieren, machen wir dort das Trinkwasser noch knapper, wo es ohnehin schon zu wenig gibt. Auch mit Schweizer Fleisch.

on Dr. Sebastian Leugger (März 2015)

Vegane Ernährung und Ökologie: Falsche Fährten, Fakten, Fantasien

 

Tierbenützung und Tierproduktekonsum waren während Jahrtausenden Teil von nachhaltigen Landwirtschafts- und Ernährungssystemen. Vielen Omnis (Omnis sind Menschen, die Fleisch, Milchprodukte und Eier essen) ist das allein schon Grund genug, Vegane als realitätsfremd und vegane Ernährung als unsinnig zu betrachten. 1 Und spätestens, wenn Vegane über die ökologischen Folgen des Tierproduktekonsums zu reden anfangen, werden auch bedächtigere Omnis skeptisch. Das liegt daran, dass Vegane von der Tierbenützung oft nur das folgende Bild zeichnen.

Vegane erwecken in Diskussionen oft den Eindruck, Tierbenützung und Tierproduktekonsum seien ökologisch derart unsinnig, dass nur eine Reduktion auf Null vertretbar sei.
 

Veredelungsindustrie

Schweinen, Hühnern und Rindern werden in der Schweiz jährlich hunderttausende Tonnen Nahrungsmittel verfüttert – z.B. Soja und Getreide – , um Fleisch, Milch und Eier zu produzieren. Dabei geht ein Grossteil der verfütterten Nährstoffe verloren.

Das Sojamehl im Hühnerfutter enthält z.B. eine bestimmte Menge Eiweiss. Das Huhn wandelt dieses Soja-Eiweiss in Eier um, aber auch in Federn, Knochen, Muskeln, Bewegungsenergie, Körperwärme, Kognition usw. Das Resultat: Von den Eiweissen im Sojamehl landet nur ein Bruchteil in den Eiern, der Rest sind sog. Veredelungsverluste.

Wenn vom Eiweiss des verfütterten Sojamehls in den Eiern noch 50% enthalten ist, spricht man in der Eierbranche von einer hocheffizienten Futterverwertung. 2 Vergleiche: Was sagt die Bäckermeisterin, wenn der Lehrling jeden Morgen die Hälfte des Mehls in die Aare wirft?

 

Veredelungsverluste von 50% sind dabei nicht etwa besonders hoch, sondern besonders tief, und gelten bei eierlegenden Hühnern auch nur während dem üblicherweise einen und einzigen Jahr, in dem sie Eier legen (danach werden sie getötet). Berechnen wir das halbe Jahr mit, in dem sie noch zu jung sind, um Eier zu legen, aber natürlich trotzdem schon Futter brauchen, erhalten wir bei der Eierproduktion gesamthafte Veredelungsverluste um 75% herum. Bei der Milch-, Poulet- und Schweinefleischproduktion gehen gut und gerne 75-80% der Nährstoffe in den verfütterten Nahrungsmitteln verloren, bei der Rindfleischproduktion 90% und mehr. 3

All diese verschwendeten Nahrungsmittel mussten zuvor auf hunderttausenden Hektaren Ackerland im In- und Ausland angebaut werden, was mit erheblichen Umweltbelastungen verbunden ist. Stichworte: Regenwaldabholzung, Monokulturen, übermässiger Pestizid- und Kunstdüngereinsatz, Biodiversitätsverlust, Erosion usw. Hinzu kommen die Mistberge und Gülleseen, die bei der Produktion von Tierprodukten anfallen und die unsere Luft und unsere Gewässer verschmutzen.

Das sind Tatsachen. Viele Omnis wissen das. Trotzdem werden sie skeptisch, wenn die Veganen so reden. Zum Teil liegt das sicher daran, dass es für Omnis nicht angenehm ist, sich mit diesen Tatsachen auseinanderzusetzen. Wichtiger ist aber, dass Omnis sofort ins Auge springt, was Vegane oft hartnäckig verdrängen. Wie anfangs erwähnt: Tierbenützung und Tierproduktekonsum waren während Jahrtausenden Teil von nachhaltigen Landwirtschafts- und Ernährungssystemen. Es kann also nicht sein, dass alles ausser vegane Landwirtschaft und vegane Ernährung die Umwelt zerstört. Die Schweiz ist dafür ein gutes Beispiel. Seit Generationen werden hier Tiere benützt. Unsere Umwelt ist noch weitgehend intakt. – Das Bild, das die Veganen zeichnen, trägt dem nicht Rechnung.

Traditionelle Tierbenützung als Argument für Tierproduktekonsum

Omnis präsentieren die traditionelle Tierbenützung gerne als umweltschonende Alternative zur verschwenderischen Veredelungsindustrie. Das sieht dann etwa so aus:

Omnis erwecken in Diskussionen oft den Eindruck, als könnten mit traditioneller Tierbenützung beliebig viele Tierprodukte relativ umweltschonend hergestellt werden.

Die benützten Tiere ernähren sich nur von dem, was für die Ernährung der benutzenden Tiere (der Menschen) sonst nutzlos wäre: Stroh und andere ungeniessbare Nebenprodukte des Ackerbaus, unvermeidbare Lebensmittelabfälle und v.a. auch Gras, das entweder im Rahmen einer Fruchtfolge auf Ackerland wächst (sog. Kunstwiese), oder auf Boden, der sich nicht für Ackerbau eignet (z.B. Alpweiden).

Traditionelle Tierbenützung nimmt, was für die menschliche Ernährung sonst wertlos ist, und macht daraus etwas essbares. Das ist ökologisch ungleich sinnvoller als die Veredelungsindustrie, die bereits verfügbare Nährstoffe nimmt und daraus weniger verfügbare Nährstoffe macht. – Viele Vegane sind sich dieser Tatsache bewusst, reden aber lieber nicht darüber. Die traditionell nachhaltige Tierbenützung macht ihr einfaches ökologisches Argument für den Veganismus kaputt.

 

Umso lieber reden Omnis über traditionelle Tierbenützung. Einige übertreiben es dabei. Sie argumentieren mit der traditionellen Tierbenützung gegen jede Reduktion des Tierproduktekonsums. Das tönt z.B. so: «Auf den Alpweiden wächst nur Gras, kein Weizen, und schon gar kein Soja. Also geh’ weg mit deinem Seitan und deinem Tofu. Ich bleibe beim Schnitzel.» – Wer so redet, verschliesst die Augen vor einer weiteren Tatsache, die nun wieder von Omnis gerne ignoriert wird:

Auf traditionelle Weise konnte immer nur eine beschränkte Menge Tierprodukte erzeugt werden, ohne die Umwelt übermässig zu belasten. Ackerbau erzeugt nicht unendlich viele ungeniessbare Nebenprodukte wie Stroh, Lebensmittelabfälle sind nur bis zu einem gewissen Punkt unvermeidbar, Fruchtfolgen erfordern nur eine bestimmte Zeit lang Kunstwiese und auch auf Naturwiesen und Weiden wächst nicht beliebig viel Gras. Sind all diese Futterquellen aufgebraucht, ist Schluss mit traditioneller Tierbenützung. Will eine Gesellschaft dann noch mehr Tierprodukte konsumieren – und unsere Gesellschaft will es offenbar seit Jahrzehnten – , geht das nur mit Verfütterung von Nahrungsmitteln oder von Futterpflanzen, die auf dem Ackerland mit Nahrungspflanzen konkurrenzieren. Und schon sind wir wieder bei der Veredelungsindustrie.

Traditionelle Tierbenützung als Argument für «moderaten» Tierproduktekonsum

Viele Omnis wissen um diese Zusammenhänge und sprechen sich deshalb für einen sog. moderaten Tierproduktekonsum aus. Ihr Modell der Wirklichkeit (die Strich-Punkt-Linie in der folgenden Grafik) ist eine Kombination aus dem zu einfachen Bild mancher Veganen und dem zu einfachen Bild mancher Omnis:

Einige Omnis vertreten eine Zwischenposition: “Bis zu einer gewissen Höhe ist Tierproduktekonsum ökologisch vertretbar, darüber wird er schnell unnachhaltig.”

Gemäss diesem Modell ist die Umweltbelastung gering, solange relativ wenig Tierprodukte konsumiert werden (Punkt C oder tiefer). Diese geringe Menge an Tierprodukten kann traditionell hergestellt werden, d.h. mit Gras-, Reste- und Abfallverwertung. Ein höherer Tierproduktekonsum (oberhalb von C) ist dagegen nur möglich, wenn die benützten Tiere mit dem gefüttert werden, was die benützenden Tiere (die Menschen) eigentlich selber essen könnten (z.B. Getreide oder Sojamehl), oder mit Futterpflanzen (z.B. Futtermais), die auf dem Acker Nahrungspflanzen verdrängen. U.a. wegen den Veredelungsverlusten, die dabei enstehen, belasten die so hergestellte Tierprodukte die Umwelt stärker.

 
Das Modell der Omnis, die sich für einen sog. moderaten Tierproduktekonsum aussprechen (Gleiche Grafik wie oben, nur ohne die beiden verworfenen Modelle). Niederländische Wissenschaftlerinnen haben dieses Modell aufgrund von Untersuchungen zur Schweinefleischproduktion aufgestellt.
 

Die Grafik zu diesem Modell stammt ursprünglich aus einem Artikel niederländischer Wissenschaftlerinnnen, die untersuchten, wie sich verschiedene Fütterungsarten auf die Umweltbelastung der Schweinefleischproduktion auswirken. 4 Ihre Ergebnisse waren mit dem Modell vereinbar: Solange die Schweine mit Abfällen, Resten u.ä. gefüttert wurden, war die Umweltbelastung pro Kilogramm produziertes Fleisch gering. Wurden hingegen eigens für die Schweine angebaute Nahrungspflanzen verfüttert, stieg die Umweltbelastung pro Kilogramm produziertes Fleisch stark an.

 

Welches Modell verzerrt mehr?

Omnis, die ein solches Modell vertreten, stören sich manchmal daran, wenn Vegane dieses Modell vereinfachen, indem sie sich an der grünen, geraden Linie in der folgenden Grafik orientieren, anstatt an der geknickten, blauen:

Viele Vegane akzeptieren, dass Tierbenützung nicht mit Veredelungsindustrie gleichgesetzt werden kann, ziehen aber trotzdem ein Modell vor, das den Unterschied zwischen traditioneller Tierbenützung und Veredelungsindustrie nicht hervorhebt.

Das passiert z.B. dann, wenn Vegane offizielle Schätzungen über die negativen Auswirkungen des Tierproduktionssektors nehmen, wie z.B. die 7.1 Gigatonnen CO2-Äquivalente aus dem jüngsten Bericht der FAO zum Thema Tierbenützung und Treibhausgase, und dann so tun, als ob jede Reduktion des Tierproduktekonsums um X% den Ausstoss von CO2-Äquivalenten proportional um X% senken würde, egal wie gross oder klein X ist, und egal wie viele oder wenige Tierprodukte gesamthaft konsumiert werden.

 

Diese Vereinfachung kann den Eindruck erwecken, als wüssten Vegane nicht, dass es auch traditionelle Tierbenützung gibt. Dabei verrechnen sie hier einfach die Umweltbelastung der traditionellen Tierbenützung mit der Umweltbelastung der Veredelungsindustrie. Omnis bemängeln, dass eine solche Mischrechnung die tatsächlichen Verhältnisse verzerre und umweltschonenden Eigenschaften der traditionellen Tierbenützung unterschlage. Ist das eine berechtigte Kritik?

Nein, und zwar aus mindestens zwei unabhängigen Gründen. Der erste: In der Realität gibt es keine scharfe Trennlinie zwischen traditioneller Tierbenützung und Veredelungsindustrie. Klar, es gibt die beiden Extreme: auf der einen Seite ein Kleinbetrieb, der Tiere noch wie vor 200 Jahren hält, und auf der anderen Seite eine industrieller Schweine- oder Hühnermästerei. V.a. in der Schweiz gibt es dazwischen aber viele Mischformen, z.B. IP-Betriebe. Die Umweltbelastungskurve solcher Betriebe ist gemäss den Modellannahmen weder so flach wie die blaue Linie vor dem Knick (zwischen A und C), noch so steil wie nach dem Knick (zwischen C und F), sondern irgendwo dazwischen und z.T gerade so steil wie die grüne Linie, an der sich viele Vegane orientieren.

Die allermeisten Landwirtschaftsbetriebe praktizieren eine Mischform aus traditioneller Tierbenützung und Veredelungsindustrie. Wären die Annahmen des Modells grundsätzlich richtig, würde die tatsächliche Kurve also irgendwo zwischen der Mischrechnung der Veganen und der scharf getrennten Rechnung der Omnis verlaufen.

Man tut also den allermeisten real existierenden Landwirtschaftsbetrieben kein Unrecht an, wenn man sie nicht eindeutig entweder der traditionellen Tierbenützung oder der Veredelungsindustrie zuordnet. Omnis, die auf einer scharfen Trennung beharren, verzerren die Wirklichkeit jedenfalls etwa gleich stark, wie Vegane, die alle Betriebe über einen Leisten schlagen.

Klimawandel mischt die Karten neu

Der zweite und wichtigere Grund, warum die vegane Mischrechnung die umweltschonenden Eigenschaften der traditionellen Tierbenützung nicht unterschlägt, ist, dass es da leider nicht mehr viel zu unterschlagen gibt. Mit anderen Worten: Die Modellannahmen der Omnis, die sich für die traditionelle Tierbenützung und einen sog. moderaten Tierproduktekonsum einsetzen, sind in relevanter Hinsicht nicht richtig. Es stimmt zwar: Traditionelle Tierbenützung war während Jahrtausenden vielerorts nachhaltig, so auch in der Schweiz. U.a. wegen der Klimaerwärmung hat sich die Ausgangslage aber z.T. radikal verändert. Das beste Beispiel dafür ist die traditionelle Benützung von Rindern und Kühen.

Als der menschgemachte Klimawandel noch kein Thema war, konnte man einem Rind ohne ökologische Bedenken zwei, drei Jahre Zeit lassen, um Gras zu essen und Gewicht zuzulegen, bevor man es dann tötete und aufass. Dass der Verdauungsapparat des Rindes während dieser ganzen Zeit Methan produzierte, war kein Problem. Heute ist es ein Problem.

Methan ist ein potentes Treibhausgas, und jede Möglichkeit, Methanemissionen zu reduzieren, muss ernsthaft geprüft werden. Nun hat eine Studie des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL) in Frick gezeigt, dass die traditionelle Benützung von Rindern pro Kilogramm produziertes Fleisch höhere Methanemissionen hat als die Benützung von Rindern in Produktionssystemen, die sich stärker an die Veredelungsindustrie anlehnen. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Rinder mit dem Futter der Veredelungsindustrie schneller Gewicht zulegen und deshalb früher getötet werden, d.h. weniger lang leben und darum weniger Methan produzieren.

Da umgekehrt bei reiner Grasverwertung die Treibhausgasemissionen aus dem Kraftuffteranbau wegfallen, ist der Unterschied zwischen traditioneller Benützung und Veredelungsindustrie in der allgemein üblichen Treibhausgas-Mischrechnung (sog. CO2-Äquivalente) weniger gross als beim Methan allein, aber gesamthaft schneidet die rein graslandbasierte Benützung von Rindern immer noch schlechter ab als eine Benützung, die viel Kraftfutter einsetzt.

Und wie gesagt: Diese Zahlen stammen aus einer Studie des FiBL in Frick. Frick ist in der Schweiz. Die 57 für die Studie untersuchten Betriebe sind alle in der Schweiz. Dieses Ergebnis gilt also für die Schweiz. Ein Stück Fleisch von einem Rind aus traditioneller Schweizer Weidehaltung hat höhere Treibhausgasemissionen als ein Stück Fleisch von einem Rind, dem hier in der Schweiz grosse Mengen Nahrungsmittel wie Getreide und importiertes Soja verfüttert wurden, und zwar auch dann, wenn alle Treibhausgasemissionen einberechnet werden, die z.B. der Anbau dieses Sojas im Ausland verursacht hat.

 

Da Soja für viele ökologisch interessierte Omnis ein Reizwort ist, lohnt es sich vielleicht, das noch etwas deutlicher zu machen. Stellen Sie sich ein Stück Fleisch von einem Rind aus Intensivmast vor, dessen Futterration bis zu 20% aus importiertem Soja besteht. – Denken Sie jetzt nicht daran, dass man dieses Soja auch direkt für die menschliche Ernährung verwenden könnte, oder daran, dass durch die Verfütterung an das Rind 90% und mehr der im Soja enthaltenen Nährstoffe verloren gehen. – Führen Sie sich stattdessen die Treibhausgasemissionen vor Augen, die mit der Produktion dieses Stücks Fleisch verbunden sind, und zwar alle, d.h. inkl. Treibhausgasemissionen im Zusammenhang mit dem Sojaanbau im Ausland, inkl. Regenwaldabholzung. – Nun, die Treibhausgasemissionen eines Stücks Fleisch von einem Rind aus traditioneller Schweizer Weidehaltung sind höher.5

Diese Zusammenhänge gelten grundsätzlich nicht nur für die Rindfleisch-, sondern auch für die Milchproduktion. Die genauen Zahlen können sich unterscheiden (ich habe dazu keine wissenschaftliche Studie zur Hand), aber das Prinzip ist das gleiche: Ohne Kraftfutter, d.h. nur mit Gras, hat eine Kuh länger, um einen Liter Milch zu produzieren und das führt zu höheren Methanemissionen pro Kilogramm Milch.

Ohne entsprechende Studien lässt sich keine Aussage darüber machen, ob die höheren Methanemissionen der langsameren, rein grasbasierten Milchproduktion von den tieferen Treibhausgasemissionen durch Verzicht auf Kraftutter aufgewogen werden oder nicht, aber es kann auf jeden Fall nicht davon ausgegangen werden, dass Grasmilch pro Kilogramm bei den Treibhausgasen besser, geschweige denn wesentlich besser abschneidet als Milch, die mit viel Kratfuttereinsatz hergestellt wurde.

Tierproduktekonsum in der Schweiz

Das von einigen Omnis allgemein vorausgesetzte Modell der niederländischen Wissenschaftlerinnen ist hier also nicht angemessen. Wenn man bedenkt, dass es in der niederländischen Studie um Schweinefleischproduktion ging, ist das eigentlich nicht erstaunlich. Im Unterschied zu Gras, dem traditionellen Futter der Rinder und Kühe, sind Reste und Lebensmittelabfälle, das traditionelle Futter der Schweine, schon ziemlich energiedicht, d.h. Schweine legen mit traditionellem Futter nicht viel weniger schnell Gewicht zu als mit dem Kraftfutter der Veredelungsindustrie. Weiterhin ist bei traditionell benützten Schweinen Methanproduktion kein grosses Thema. Es ist deshalb plausibel, dass der Treibhausgasausstoss pro Kilogramm produziertes Schweinefleisch bei traditioneller Fütterung tiefer ist, als wenn ihnen Nahrungsmittel wie Soja und Getreide verfüttert werden.

Die einfache Gleichung «traditionelle Benützung + moderater Konsum = nachhaltig» gilt also vielleicht bei Schweinefleisch, aber nicht bei Tierprodukten im allgemeinen, insbesondere nicht bei Produkten von Rindern und Kühen. – Was ist die Relevanz dieses Ergebnisses für den Tierproduktekonsum in der Schweiz?

 
Von den in der Schweiz konsumierten tierlichen Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten stammen fast 75% von Kühen und Rindern (ca. 65% von Milchprodukten). Die restlichen gut 25% kommen von allen anderen Tierprodukten.

Von den tierlichen Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten, die in der Schweiz konsumiert werden, stammen fast 75% von Kühen und Rindern (ca. 10% von Rind- und Kalbfleisch und 65% von Milchprodukten). Alle anderen tierlichen Nährstoffe, inkl. jene aus Schweine- und Geflügelfleisch, Vogeleiern und Fischen, machen zusammen nur gut 25% aus. 6

 
Ungefähre Verhältnissangaben zu den Treibhausgasemissionen für die in der Schweiz konsumierten Tierprodukte. Bei den Kühen und Rindern (Milch- und Fleischproduktion) dominiert die traditionelle Grasverwertung, die v.a. wegen der Methanproduktion in Rindermägen hohe Treibhausgasemissionen verursacht. Bei allen anderen Tierprodukten dominiert die Veredelungsindustrie, die v.a. wegen dem Kraftfutteranbau auf Ackerland hohe Treibhausgasemissionen hat.

Die Nährstoffe, die von Kühen und Rindern kommen, werden dabei mehrheitlich mit Grasverwertung erzeugt (was nicht heisst, dass absolut gesehen wenig Ackerfrüchte an Rinder und Kühe verfüttert würden; wir haben so viele Kühe und Rinder, dass auch ein relativer kleiner Ackerfrüchte-Anteil im Futter absolut noch viel ausmacht), während die Nährstoffe, die von allen anderen Tieren kommen, mehrheitlich nach den Prinzipien der Veredelungsindustrie hergestellt werden (was nicht heisst, dass z.B. in der Schweinemast keine Abfall- und Resteverwertung stattfindet; wir haben so viele Schweine, dass wir trotz Abfall- und Resteverwertung noch grosse Mengen Ackerfrüchte verfüttern).7

Bei der traditionellen Tierbenützung in der Schweiz dominiert die Grasverwertung durch Rinder (inkl. Milchkühe), und auch beim Konsum dominieren Produkte von Rindern (inkl. Milchkühen). Gerade diese Form der traditionellen Tierbenützung und damit der Konsum dieser Tierprodukte hat von den Treibhausgasemissionen her aber keinen Vorteil gegenüber Produktionssystemen, die sich stärker an die Veredelungsindustrie anlehnen.

Bei den Kühen und Rindern also, wo traditionelle Fütterung von den Treibhausgasen her keinen Vorteil hat, ist die Bedeutung der traditionellen Fütterung gross, während z.B. bei den Schweinen, wo traditionelle Fütterung mutmasslich deutlich geringere Treibhausgasemissionen hat, die Veredelungsindustrie dominiert.

Gesamthaft ergibt sich aus diesen Überlegungen ein Bild, das der veganen Vereinfachung viel näher kommt als der geknickten Kurve jener Omnis, die sich für die traditionelle Tierbenützung stark machen.

 

Was tun?

Die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO) zieht in manchen ihrer Publikationen aus ähnlichen Überlegungen einen überraschenden Schluss: «Ersetzen wir dem Klima zuliebe weltweit die traditionelle Tierbenützung – v.a. die von Rindern und Kühen – durch noch mehr Veredelungsindustrie!»8 Dieser Schluss widerspricht unseren Öko-Intuitionen, ist aber nachvollziehbar, wenn man – wie die FAO in diesen Publikationen – eine dumme Prämisse voraussetzt, nämlich: «Lasst uns in Zukunft auf keinen Fall weniger Tierprodukte konsumieren als bisher!»

Lassen wir diese Prämisse fallen, lautet der Schluss sowohl aus den hohen Methanemissionen der traditionellen Benützung von Rindern und Kühen als auch aus den hohen Treibhausgasemissionen des Futtermittelanbaus für die Veredelungsindustrie: «Lasst uns weniger Tierprodukte konsumieren (egal mit welchem System sie produziert wurden)!» Und von da ist es für experimentierfreudige Leute nur noch ein kleiner Schritt zu: «Lasst uns gar keine Tierprodukte mehr konsumieren!»

Die Vertreterinnen und Vertreter der traditionellen Tierbenützung können sich jedenfalls nicht beklagen, wenn «ihre» Treibhausgasemissionen mit jenen der Veredelungsindustrie verrechnet werden. Und sie müssen sich nicht wundern, dass ökologisch motivierte Konsumentinnen und Konsumenten nicht nur die Produkte der Veredelungsindustrie ablehnen, sondern auch Grasmilch, Alpkäse und Bio-Weide-Beef meiden.

 

Die traditionelle Tierbenützung, insbesondere von Rindern und Kühen, ist im Kontext des Klimawandels nicht mehr einfach ohne weiteres nachhaltig. Vorübergehend (d.h. bis die Gefahr des Klimawandels gebannt ist) ist sie wegen den hohen Methanemissionen pro Einheit Fleisch und Milch ökologisch vielleicht sogar noch weniger nachhaltig als die Veredelungsindustrie. Das ist weder fair noch gerecht, und die Tiere auf der Weide können dafür von allen Beteiligten am wenigsten, aber es ist halt trotzdem so, liebe Anita Idel. 9

Die von Omnis häufig vorausgesetzten Modellannahmen machen im Kontext des Klimawandels nur noch beschränkt Sinn. Sie machen Sinn, wenn wir an historischen Entwicklungen interessiert sind, und sie machen Sinn, wenn wir über eine utopische Zukunft phantasieren wollen, in der der Klimawandel keine Rolle mehr spielt und in der deshalb die hohen Methanemissionen der traditionellen Rinder- und Kuhbenützung ignoriert werden können.

Weiterhin macht es Sinn, sich mit den Modellannahmen und ihrer Berechtigung auseinanderzusetzen, wenn wir um ein ganzheitliches Verständnis von Umweltbelastung und Nachhaltigkeit bemüht sind – Treibhausgasemissionen sind da schliesslich nicht das einzige Thema. Andere Themen sind: Biodiversität, Boden-, Wasser-, Luftqualität, Abhängigkeit von nicht-erneuerbaren Energieträgern usw.

Die traditionelle Tierbenützung der Schweiz schneidet bei einigen dieser Kriterien besser ab als die Veredelungsindustrie. Aber angesichts des Klimawandels macht es ökologisch keinen Sinn, immer nur zwischen traditioneller Tierbenützung und Veredelungsindustrie abzuwägen. Tierbenützung – egal in welcher Form – kann heute nicht mehr unhinterfragt als Teil unseres Landwirtschafts- und Ernährungssystems gelten. Wir müssen uns als Gesellschaft ernsthaft mit den veganen Alternativen beschäftigen – und zwar nicht nur in der Ernährung, sondern auch in der Landwirtschaft.

Sich ernsthaft mit Alternativen beschäftigen schliesst nicht aus, dass man die Alternativen am Ende verwirft. Es schliesst bloss aus, dass man sie schon am Anfang verwirft. In diesem Sinn plädiert dieser Text dafür, dass wir als Gesellschaft anfangen, die veganen Alternativen ernsthaft zu prüfen – und zwar, wie gesagt, nicht nur in der Ernährung, sondern auch in der Landwirtschaft.

Auf fruchtbare Diskussionen!


Anmerkungen

 

1 Traditionelle Tierbenützung und traditioneller Tierproduktekonsum waren über die Jahrtausende auch immer wieder Teil von z.T. katastrophal nicht-nachhaltigen Landwirtschafts- und Ernährungssystemen, so z.B. bei den Wikingern in Grönland, die sich anstatt wie die Inuit von Fisch und Robben lieber wie ihre Vorfahren in Norwegen von Rindfleisch und Milchprodukten ernährten und zusammen mit dieser Ernährungsweise untergingen, als die kleine Eiszeit kam. Andere Gesellschaften überlebten andere Herausforderungen (z.B. hohe Bevölkerungsdichte) nur, weil sie ihre Tierbenützung und ihren Tierproduktekonsum radikal umstellten, so z.B. die Stammesgesellschaft auf der polynesischen Insel Tikopia: «A momentous decision taken consciously around a.d. 1600, and recorded in oral traditions but also attested archeaologiacally, was the killing of every pig on the island, to be replaced as protein sources by an increase in consumption of fish, shellfish, and turtles. According to Tikapians’ accounts, their ancestors had made that decision because pigs raided and rooted up gardens, competed with humans for food, were an inefficient means to feed humans (it takes about 10 pounds of vegetables edible to humans to produce just one pound of pork), and had become a luxury food for the chiefs.» Vgl. zum Zitat, zu den Wikingern und zu vielen weiteren Fallbeispielen: Jared Diamond (2005), Collapse. How Societies Choose to Fail or Succeed (dieses Buch gibt es auch in Deutscher Übersetzung bei Fischer Taschenbuch; Titel: «Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen»).

 

2 Wenn das eierlegende Huhn nach seiner Tötung (i.d.R. nach ca. 1.5 Lebensjahren und 300 gelegten Eiern) nicht im Abfall landet oder zu Biogas verarbeitet wird, sondern als sog. Suppenhuhn Verwendung findet, gehen weniger Nährstoffe aus dem Sojamehl verloren. In Prozenten macht das allerdings kaum etwas aus, da die paar hundert Gramm Fleisch, die ein Suppenhuhn auf die Waage bringt, ins Verhältnis gesetzt werden müssen zu all dem Sojamehl, das es in seinem Leben gefuttert hat. Handgelenk mal Pi gerechnet: 300 mittelgrosse Eier haben etwa ein Gesamtgewicht von 18kg, ein Suppenhuhn ergibt max. 1kg Fleisch. Wurden die 300 Eier mit «hocheffizienter» Futterverwertung erzeugt, wurden dafür etwa 36kg Sojamehl verfüttert. Zusammen mit dem Suppenhuhn-Fleisch ergibt sich also eine Futtereffizienz von 19/36 (52.8%) anstatt 18/36 (50%). (Für die spitzfindigen LeserInnen: Ja, kein Huhn erhält nur Sojamehl zu futtern. Aber für den Anteil Sojamehl im Hühnerfutter gelten diese Verhältniszahlen trotzdem: Ungefähr 50% der im Sojamehl enthaltenen Nährstoffe gehen mindestens verloren. Was nicht gilt, ist der Umkehrschluss: Weil das Huhn einen Teil seiner Nährstoffe anders als mit Sojamehl deckt, stehen nicht jedem 60-Gramm-Ei 120 Gramm Sojamehl oder mehr gegenüber. Aber eben: 120 Gramm verfüttertes Sojamehl ergeben maximal 60 Gramm Ei. D.h. auch wenn ein Bauer die Hühner v.a. mit Abfällen ernährt und «nur ganz wenig» Soja oder Getreide verfüttert: mindestens die Hälfte davon geht verloren. Auch wenn er auf seinem Betrieb nur 100 kg Sojamehl pro Jahr verfüttert: 50 kg sind zum Fenster hinausgeworfen. Für noch spitzfindigere LeserInnen: Ja, Sojamehl hat nicht genau die gleichen Nährstoffzusammensetzung wie Eier oder sog. «Althennenfleisch», d.h. die Handgelenk-mal-Pi-Rechnung oben gibt nur Auskunft über die Grössenordnung der Veredelungsverluste, erlaubt aber z.B. keine exakten Eiweiss-Wertigkeits-Vergleiche. Für noch mehr omnivore Spitzfindigkeit vgl. das untenstehende Buch.)

 

3 Vgl. Simon Fairlie (2010), Meat. A Benign Extravagance, White River Junction, Kaptiel 3.

 

4 Elferink, E.V., Nonhebel, S., Moll, H.C. (2007), «Feeding Livestock Food Residue and the Consequences for the Environmental Impact of Meat», Journal of Cleaner Production, xx, 1-7.

 

5 Vgl. Matthias Meier, Daniel Böhler, Stefan Hörtenhuber, Florian Leiber, Eric Meili, Bernadette Oehen (2014), «Nachhaltigkeitsbeurteilung von Schweizer Rindfleischproduktionssystemen verschiedener Intensität», Forschungsinstitut für Biologischen Landbau Schweiz, Frick. Daraus (S. 25) die Grafik mit den drei Balkendiagrammen. Die Tabelle mit den Angaben zum maximalen Anteil Soja in der Futterration ist auf Seite 21.

 
Links die Treibhausgasemissionen pro kg Rindfleisch aus Bio-Weidehaltung, in der Mitte aus TerraSuisse Betrieben (IP Suisse), rechts aus Betrieben, die nur die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllen müssen.

6 Diese Prozentangaben habe ich anhand der Zahlen der Proviande zum Fleisch- und Fischkonsum (61 kg, davon 14.5 kg von Rindern und Kälbern), den Zahlen der Swissmilk zum Milchproduktekonsum (376 kg Milch) und den Zahlen der Gallosuisse zum Eierkonsum (174 Eier) errechnet (alle Zahlen verstehen sich pro Kopf und Jahr). Ich habe dabei folgende vereinfachende Annahmen getroffen: 1 kg Fleisch oder Fisch enthält 200 g Protein, 150 g Fett und 0 g Kohlenhydrat, 1 kg Rohmilch enthält 35 g Protein, 42 g Fett und 48 g Kohlenhydrat, ein Ei wiegt 60 g und enthält 7.2 g Protein, 6.6 g Fett und 0.4 g Kohlenhydrat. In der Schweiz werden demnach pro Kopf und Jahr ca. 52 kg Nährstoffe (16 kg Protein, 18 kg Fett, 18 kg Kohlenhydrat) von Rindern und Kühen konsumiert. Der grösste Teil dieser Nährstoffe – 47 kg – kommt dabei von der Kuhmilch (13 kg Protein, 16 kg Fett, 18 kg Kohlenhydrat). Dagegen geben alle konsumierten Tierprodukte ausser Milch, Kalb- und Rindfleisch nur ca. 18 kg Nährstoffe her (10 kg Protein, 8 kg Fett, 73 g Kohlenhydrat).

 
 

8 Vgl. Fairlie (2010), insbesondere Kapitel 3 und Kapitel 13.

 

9 Anita Idel hat ein Buch geschrieben, das in Öko-Kreisen viel Beachtung fand und das von Omnis gerne als Argument angeführt wird, wenn sie davon gehört haben: «Die Kuh ist kein Klima-Killer!» Als Veganer, der das Buch von vorne bis hinten mit Interesse gelesen hat, dünkt es mich als Verteidigung der Rinder- und Kuhhaltung im Kontext der Klimadebatte etwa so überzeugend wie «Guns don’t kill people. People kill people» als Verteidigung einer Wildwest-Waffenkultur. Anita Idel stellt sich rhetorisch auf groteske Weise schützend vor die Kühe und verteidigt sie gegen die Verunglimpfung, sie seien Klima-Killer. Wie als ob es die Kühe kränken würde, wenn wir sie für den Klimawandel mitverantwortlich machen, und als ob sie nichts lieber möchten, als weiterhin von uns für ihr Fleisch, ihre Milch und ihren Mist benützt zu werden. Dieser rhetorische Schwenk ist zwar grotesk, aber nachvollziehbar. Anita Idel hat als Vertreterin der traditionellen Tierbenützung Mühe damit, dass das, was früher vielerorts nachhaltig war, jetzt plötzlich nicht mehr nachhaltig sein soll. Am meisten, so scheint es, wurmt sie (und auch Simon Fairlie, dessen oben erwähntes Buch in eine ähnliche Richtung geht), dass am ganzen Schlamassel eigentlich alle anderen Schuld sind: die Autofahrerinnen, die Vielfliger, die Stadtbewohnerinnen, die Konsumjunkies und v.a. die Kohle- und Erdölindustrie. Alle sind Schuld am Klimawandel, nur nicht die traditionellen Tierbenützerinnen und Tierbenützer, die – so scheint es – schon seit den Anfängen der Landwirtschaft vor 10’000 Jahren immer gegen alles Neue waren. Und jetzt sollen sie mithelfen, die Suppe auszulöffeln, die uns diese ganze Modernisierung eingebrockt hat? Denkste. Das sollen die anderen machen. Auch am FiBL, dem Forschungsinstitut für Biologischen Landbau in Frick war an einer Tagung zum Thema Veganismus letzthin dieses Argument zu hören: «Nicht das Rind, sondern zu viele Rinder sind ein Problem.» Gemeint ist damit scheinbar immer: «Nicht unsere Rinder sind das Problem, sondern die Rinder der anderen.»– Nein, liebe Vertreterinnen und Vertreter der traditionellen Tierbenützung: Auch «eure» Rinder sind Teil des Problems, und so schwer es auch sein mag, das zu akzeptieren, ist jedes einzelne «eurer» Rinder für den Klimawandel wahrscheinlich sogar ein grösseres Problem als jedes einzelne Rind aus einer intensiven, kraftfutterbasierten Haltung. Ihr müsst deswegen ja nicht mehr Kraftfutter einsetzen. Das ist bloss die dumme Schlussfolgerung der FAO. Wie wäre es stattdessen, zu einem weitgehend viehlosen, vielleicht sogar zu einem bio-veganen Betrieb überzugehen? Vielleicht wäre es immerhin ein Gedanke wert.

 

Sebastian Leugger, Philosoph, ist seit 2010 bei tier-im-fokus.ch aktiv, besitzt ein Wirtepatent und hat mit Projekt Habakuk zweieinhalb Jahre lang vegane Gastronomie gemacht. Er arbeitet zusammen mit seinem Bruder und anderen am Aufbau der Plattform Veganaut.net, schreibt Texte und gibt Kurse und Vorträge an Fachhochschulen, Unis und Mittelschulen.

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