5 Ant­wor­ten zum Ende der Nutz­tier­hal­tung

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Bereits 2050 kon­su­mie­ren wir 50% weni­ger Fleisch, Eier und Milch­pro­duk­te, und noch­mals 50 Jah­re spä­ter sei die Nutz­tier­hal­tung kom­plett abge­schafft. Was wir statt­des­sen essen wer­den und wie kommt es dazu? Fünf Ant­wor­ten von Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Jacy Ree­se.

  1. Wie kommst du auf das Jahr 2100?

Um das Ende der Nutz­tier­hal­tung zu datie­ren, habe ich die Zeit­ach­sen von sozia­len Bewe­gun­gen und Tech­no­lo­gi­en ange­schaut: Bei Men­schen­rechts­be­we­gun­gen hat es Hun­der­te von Jah­ren gedau­ert, bis zum Bei­spiel far­bi­ge Men­schen und Frau­en glei­che Rech­te hat­ten, und sogar dann brauch­te es noch eine gan­ze Wei­le, bis die­se Rech­te auf der gan­zen Welt umge­setzt wur­den. Doch bei den Tech­no­lo­gi­en sieht es ganz anders aus: Als Autos kom­mer­zia­li­siert wur­den, dau­er­te es nur etwa 30 Jah­re, bis Pfer­de über­holt waren. Und es dau­er­te nur 20 Jah­re, bis die Mehr­heit einen PC hat­te. Ich den­ke, wenn Tech­no­lo­gie invol­viert ist, wie es momen­tan in der Tier­rechts­be­we­gung der Fall ist, wird ein Umbruch viel schnel­ler her­bei­ge­führt. Und das stimmt mich wie­der opti­mis­ti­scher.

  1. Was essen wir anstel­le von Fleisch?

Momen­tan wer­den immer bes­se­re pflanz­li­che Pro­duk­te ent­wi­ckelt, wel­che die kuli­na­ri­sche, ernäh­rungs­tech­ni­sche, kul­tu­rel­le und sozia­le Rol­le von Fleisch über­neh­men – das wird ein Schlüs­sel­fak­tor sein im gesell­schaft­li­chen Wan­del. Wir Veganer*innen hof­fen zwar, dass die Welt auf­grund mora­li­scher, nach­hal­ti­ger und gesund­heit­li­cher Argu­men­te vegan wird, aber ich den­ke, wir müs­sen das damit kop­peln, gute Pro­duk­te zu lie­fern, um die Umstel­lung ein­fa­cher zu machen.

Dann gibt es noch die Tech­no­lo­gie des soge­nann­ten «Clean Meat» (in Anleh­nung an «Clean Ener­gy»  wie Solar- und Wind­ener­gie), was effek­tiv Mus­kel­fleisch ist, aber aus tie­ri­schen Zel­len statt durch Mäs­ten her­ge­stellt wird. Man nimmt eine klei­ne Zell­pro­be eines leben­den Tie­res, gibt sie in einen Kul­ti­va­tor – einen gros­sen Tank – und mischt sie mit Nähr­stof­fen, Ener­gie wie z.B. Zucker sowie Wachs­tums­fak­to­ren, die den Zel­len sagen, was sie tun sol­len. Das ist der­sel­be Pro­zess, der auch im Tier­kör­per abläuft, und das End­re­sul­tat ist Fleisch.
Ich sage jeweils ger­ne, dass das die Aus­re­den weg­nimmt: Man kann den Kon­sum von her­kömm­li­chem Fleisch nicht mehr recht­fer­ti­gen, wenn es eine Alter­na­ti­ve gibt, die bis in die mole­ku­la­re Ebe­ne genau gleich ist. Wenn die Men­schen ein­fach kei­ne Aus­re­de mehr haben, dann wer­den wir eine rapi­de Adap­ti­on auf der gan­zen Welt sehen.

  1. Wie sehen die Schrit­te auf die­sem Weg aus?
  • 2000 – 2025, oder je nach Land schon seit 1970

In die­ser Grund­la­gen­pha­se ent­ste­hen vega­ne Orga­ni­sa­tio­nen und Pro­duk­te und der Vega­nis­mus wird lang­sam ver­stan­den und als Teil der Gesell­schaft akzep­tiert. Dazu gehö­ren auch Under­co­ver-Ermitt­lun­gen auf Höfen, wis­sen­schaft­li­che Berich­te über die öko­lo­gi­schen Nach­tei­le der Nutz­tier­hal­tung sowie Infor­ma­tio­nen zum Gesund­heits­we­sen und Arbei­ter­rech­ten. All das führt zu einem Ver­ständ­nis in der Bevöl­ke­rung, und eine Bewe­gung beginnt sich zu bil­den.

  • ca. 2025 – 2050

Hier kommt der Vega­nis­mus in Schwung und wir erle­ben eine regel­rech­te Revo­lu­ti­ons­pha­se für tier­frei­es Essen. Zum Bei­spiel wird Clean Meat pro­du­ziert, viel­leicht nicht zum sel­ben Preis, aber genug güns­tig, um es als brauch­ba­re Alter­na­ti­ve in Betracht zu zie­hen. Mehr und mehr Leu­te essen auch den Impos­si­ble Bur­ger und den Bey­ond Bur­ger oder gewöh­nen sich ein­fach eine voll­wer­ti­ge Ernäh­rung an.

Mit der Zeit begin­nen die Leu­te, ihre Hal­tung zu ver­än­dern. Da sie nicht mehr drei­mal täg­lich Tie­re essen, wird das Bewusst­sein frei, um sich für Tie­re zu inter­es­sie­ren. Und an die­sem Punkt treibt die neue Hal­tung die Ver­hal­tens­än­de­rung an, dann geht es sehr rasch.

  • ca. 2050 – 2075

In die­ser Stig­ma­ti­sie­rungs­pha­se sieht man viel Dyna­mik in ein­kom­mens­star­ken Län­dern. Es wird Grup­pie­run­gen geben, die sich nicht nur vegan ernäh­ren, son­dern ins­ge­samt auf eine vega­ne Welt drän­gen. Sie über­schrei­ten die per­sön­li­che Umstel­lung und fokus­sie­ren dar­auf, die Gesell­schaft als Gan­zes zu ver­än­dern. Wer hin­ter­her­hinkt, dem hängt ein Stig­ma an.
Doch auch die­se Nach­züg­ler wer­den sich ändern, da sich der Sta­tus Quo wan­delt: Es gibt zum Bei­spiel nega­ti­ve Labels für Tier­pro­duk­te und posi­ti­ve Labels für tier­freie Pro­duk­te, und die Stan­dard­op­ti­on ändert sich. Die meis­ten Leu­te sind faul und essen oft­mals ein­fach, was vor ihnen liegt, und wenn das ein Impos­si­ble Bur­ger ist, sind die meis­ten Leu­te wunsch­los glück­lich.

  • ca. 2075 – 2100

In die­sem letz­ten Abschnitt, der Voll­zugs­pha­se, wird es gemein­hin akzep­tiert, dass wir uns auf dem Weg zu einem tier­frei­en Lebens­mit­tel­sys­tem befin­den und dass die Nutz­tier­hal­tung eine mora­li­sche Gräu­el­tat war. Es wird noch Zeit brau­chen, die­se Erkennt­nis bis in jede Ecke der Welt aus­zu­deh­nen. Ich rede zum Bei­spiel von Regio­nen in Afri­ka süd­lich der Saha­ra, wo vie­le Leu­te kei­ne Wahl haben, was sie essen möch­ten. Doch auch da wird das Ein­kom­men stei­gen und sie wer­den Zugriff haben auf eine glo­ba­le Infra­struk­tur, die ein tier­frei­es Lebens­mit­tel­sys­tem unter­stützt.

  1. Reicht es dafür, wenn eine Per­son für sich vegan lebt?

Momen­tan liegt der Fokus stark auf dem indi­vi­du­el­len Vega­nis­mus. Die Haupt­auf­ga­be, die wir Leu­ten auf­tra­gen, ist eine Ernäh­rungs­um­stel­lung. Wür­den wir uns aber mehr als sozia­le Bewe­gung sehen, wel­che die Gesell­schaft in brei­ten Zügen ver­än­dert, könn­ten wir aller­lei Leu­te invol­vie­ren, für alle Berei­che, die eine sozia­le Bewe­gung benö­tigt: Arbeits­kräf­te, Talen­te, Spen­der, Unter­neh­mer, Geschäf­te,… an all das kom­men wir ein­fa­cher, wenn wir eine sozia­le Bewe­gung dar­stel­len. Die Gemein­schafts­bil­dung ein wich­ti­ger Teil jeder Bewe­gung. In der Sozi­al­psy­cho­lo­gie gibt es prak­tisch kei­nen hart­nä­cki­ge­ren Befund, als dass Men­schen stark von den Hand­lun­gen und Hal­tun­gen der Kol­le­gen und Auto­ri­tä­ten getrie­ben wer­den. Wich­tig ist also, dabei zu hel­fen, eine Com­mu­ni­ty auf­zu­bau­en, sei das durch Movie Nights, Pot­lucks oder Fly­ern.

  1. Die Fair Food-Initia­ti­ve wur­de abge­lehnt – die Schwei­zer Bevöl­ke­rung möch­te ihre Gewohn­hei­ten nicht wirk­lich ändern, und schon gar nicht, wenn sie dabei noch mehr bezah­len müs­sen. Woher kommt dein Opti­mis­mus?

Ich wür­de nicht zu viel in ein­zel­ne Miss­erfol­ge lesen. Aber wenn man die Sor­gen ein­mal abs­tra­hiert, wel­che die Bevöl­ke­rung sich dar­über macht, dass sie mehr bezah­len muss: Ich den­ke, das ist tat­säch­lich einer der ver­steck­ten *Plus­punk­te* von tier­frei­em Essen!

Wir haben unse­re Kalo­ri­en und Nähr­stof­fe vom Son­nen­licht, das via Pho­to­syn­the­se in die Pflan­zen gelangt. Das Tier frisst dann die­se Pflan­zen (oder Tie­re, die Pflan­zen geges­sen haben), was klar auf einen inef­fi­zi­en­ten Ablauf hin­deu­tet. Für zehn Kalo­ri­en, die wir einem Nutz­tier ver­füt­tern, erhal­ten wir im Gegen­zug eine Kalo­rie zum Essen. Auch beim Pro­te­in: Bei zehn Gramm Pro­te­in, das wir dem Tier ver­füt­tern, erhal­ten wir 2 Gramm Pro­te­in zurück. Wenn wir zu einer voll­wer­ti­gen, pflan­zen­ba­sier­ten Ernäh­rung wech­seln kön­nen, soll­te es uns also mög­lich sein, viel Geld zu spa­ren.

Eines der Pro­ble­me sind aber die Sub­ven­tio­nen und Grös­sen­vor­tei­le für Mas­sen­tier­hal­tungs­be­trie­be, wel­che den Preis künst­lich tief hal­ten. Die Kon­su­men­ten bezah­len die Umwelt­kos­ten nicht und ste­hen nicht einem tier­frei­en Lebens­mit­tel­sys­tem gegen­über, das in grös­se­rem Stil pro­du­ziert und so güns­ti­ges Essen lie­fern kann. Dazu kommt bei die­sen poli­ti­schen Mass­nah­men, dass wenn man sie mit tier­frei­em oder tier­freund­li­che­rem Essen ver­knüpft, der Preis auf­grund der ande­ren Fak­to­ren in die Höhe gin­ge. Wenn man wirk­lich nur dar­auf fokus­siert, Tie­re aus dem Lebens­mit­tel­sys­tem her­aus­zu­neh­men, soll­te das die Prei­se tat­säch­lich sen­ken.

 

Der gebür­ti­ge Texa­ner Jacy Ree­se ist Sozi­al­wis­sen­schaft­ler und arbei­tet als For­schungs­lei­ter beim Sen­ti­ence Insti­tu­te. Wenn er nicht gera­de auf Tour ist, lebt er mit sei­ner Part­ne­rin, zwei Hun­den und zwei geret­te­ten Hüh­nern in New York. Sein Buch «The End of Ani­mal Far­ming» erscheint am 12. Novem­ber 2018 und kann bereits vor­be­stellt wer­den.

 

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