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«Gunda» – Der Vegan-Film des Jahres 2021

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Gänzlich ohne Musik und ohne Dialog eignet sich die eineinhalbstündige Doku vielleicht nicht fürs erste Date. Doch wer sich auf den Schwarzweissfilm einlässt, wird überrascht sein, wie fesselnd er dennoch ist. Teammitglied Anja erzählt, warum – und wie eine einzige Szene alles Argumentieren überflüssig macht.

 

In Gunda erhält man Einblicke ins Leben einer gleichnamigen Sau, die gleich in der ersten Szene Ferkel gebärt. Diese Schweine leben in der besten Haltung, die man sich vorstellen kann: Sie liegen in einem dicken Strohbett im warmen Stall, wo sie jederzeit Zugang zu einer Wiese und einer grossen Schlammfläche haben, wo sie nach Lust und Laune wühlen können. All das erleben wir auf Augenhöhe mit den Tieren, denn der russische Regisseur Victor Kossakovsky hat ausschliesslich aus dieser Perspektive gefilmt.

 

Der Trailer gibt einen Eindruck, was für ein bleibendes Filmerlebnis Gunda ist. Lautstärke aufdrehen!

 

Kossakovsky bezeichnet sich als «erster Vegetarier der Sowjetunion». Auslöser war seine Freundschaft als Kind mit einem Ferkel, das an Weihnachten schliesslich gekocht auf dem Tisch landete. Seither wollte er immer einen Film über Schweine machen. Mit 59 Jahren schliesslich hat er die Kamera gepackt und auf Lebenshöfen in Norwegen, Spanien und Grossbritannien gefilmt. 

Nun kann man Gunda und ihren Nachwuchs in drei Abschnitten beobachten, getrennt von kürzeren Szenen mit Hühnern und Kühen. Und das alles ohne Musik, lediglich mit der packenden Soundkulisse des Strohs, des Schweinegrunzens und des Winds. Klingt nach öder Kunst? Keinesfalls! Wer die Musse hat, sich auf den Film einzulassen, wird kaum enttäuscht werden. Gunda wurde auf zahlreichen Festivals weltweit gezeigt, von New York über Stockholm bis Berlin und Zürich. Auf Rotten Tomatoes erhielt er bisher 97% positive Kritiken. Finanziert wurde Gunda übrigens hauptsächlich von Oscar-Preisträger Joaquin Phoenix.

 

 

Tatsächlich vergass ich zwischendurch ganz, dass ich minutenlang in der gleichen Einstellung einem einbeinigen Huhn dabei zuschaute, wie es angestrengt versucht, eine hohe Wiese zu durchqueren. Es hat mich sogar das eine oder andere Mal etwas überrumpelt, als nach mehreren Minuten plötzlich das Bild wechselte. Hatte ich mich doch gerade in eins der Schweine hineinversetzt, mitgefiebert und gemeint, in seinem Ausdruck etwas erkannt zu haben.

 

Wieso Gunda für mich der Vegan-Film des Jahrzehnts ist

Die Doku entkräftet das Argument, das ich in meinem Alltag zum Thema Fleischkonsum am meisten zu hören bekomme: Bio, Freiland und Co., dort haben es die Tiere ja gut. Dort leben sie ein artgerechtes Leben. Genau darauf hat der Film in den letzten zehn Minuten eine schmerzhafte Antwort – nichts Geringeres als die einzig nötige Antwort. 

Nachdem wir der Sau Gunda und ihren zahlreichen Ferkeln zugeschaut haben, wie sie säugen, scharren, wühlen, quieken, springen, leiden, frieren, schlafen und fressen, kommt ein kleiner Laster und lädt die Ferkel auf. Zurück bleibt Gunda, die ihre Kleinen sucht – anfangs etwas müde, dann zunehmend nervöser – und vergeblich immer wieder nach ihnen ruft. Die Kamera bleibt drauf, und es vergehen lange Minuten, in denen die Gedanken darum kreisen, wie wir das den Tieren immer und immer wieder antun können. Wie beim Freiland-Argument immer wieder ausser Acht gelassen werden kann, dass hier Menschen über den Tod eines Tieres entscheiden, egal, wie gut es vorher gelebt hat.

Als wäre das nicht bereits genug, gibt es wenige Minuten vor Filmende einen Moment, wo Gunda während ihrer Suche ihren Kopf hebt, innehält und in die Kamera schaut. Ihr Blick ist so beschuldigend und wütend, so voller Vorwürfe – Veganer*innen werden daraus vieles interpretieren. Kossakovsky sagt dazu: «Sie redet doch, oder? Am Ende sagt sie offensichtlich: Was zur Hölle macht ihr da?»

 

Motivation für Veganer*innen in einer unveganen Welt

Obwohl der Film aufwühlend klingen mag, so fühlte ich mich am Ende doch friedlich und ruhig, etwas ehrfürchtig auch. Und ich ging mit der Motivation aus dem Kinosaal, das Freiland-Argument beim nächsten Mal nicht einfach stehen zu lassen. Noch besser: Gunda weiterzuempfehlen, der stärker spricht als jedes gute Argument.

Wahrscheinlich beruhte mein Frieden einfach darauf, dass ich meine Lebensweise bereits in Einklang mit meinen Überzeugungen bringen konnte. Laut dem Regisseur hat sich denn auch die Hälfte seiner Filmcrew nach Beendigung der Produktion nicht mehr im Stande gesehen, weiterhin Fleisch zu essen. Wir brauchen nicht mit Schuldgefühlen zu essen. Wir brauchen lediglich unsere täglichen Entscheide auf unsere Werte anzupassen. Das sind wir allen Gundas da draussen doch schuldig.

 

 

Der internationale Kinostart für Gunda ist auf den Sommer 2021 angesetzt. Ob und wann er in Schweizer Kinos laufen wird, ist allerdings noch unklar.

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