Hafer – Vom Feld in die etikettierte Flasche

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Habt ihr euch auch schon gefragt, wie eigentlich der Hafer vom Feld in die Flasche kommt? Wir wollten genau das herausfinden und sind in das ländliche Kallnach im Kanton Bern gefahren, um den Biohof Hübeli zu besuchen.

Vom konventionellen Hof zur Tierarche: Urs Martis nachhaltige Revolution

«So tell me why no one’s listenin’…», tönt es aus den Boxen seines grell-orangen E-VW’s. Er hievt einen roten Plastikeimer mit feuchten Haferresten in den geräumigen Kofferraum. «Tony wird sich freuen», schmunzelt er, setzt seine kleine Tochter in den Kindersitz und fährt los. Aber zurück zum Anfang.

Die Sonne steht hoch am Himmel und lässt den Vorhof des Biohofs Hübeli glühen. In olivgrünen Cargohosen und einem verwaschenen «Aare Bier»-T-Shirt heisst uns Urs Marti willkommen. Willkommen in seinem Reich, auf seiner Tierarche, dem Biohof Hübeli

1763 wurde das Hofgut Hübeli von Urs’ Vorfahren erbaut. Fast 250 Jahre wurde der Hof konventionell geführt. Auch Urs Marti’s Eltern organisierten den Hof wie gewohnt, Kuhmilchproduktion und Ackerbau waren an der Tagesordnung. Urs wurde jedoch schon früh klar, dass er diese Philosophie nicht vertreten kann. Im Gymnasium setzte er sich mit Tierethik auseinander, wurde vegan, studierte und begann als Lehrer zu arbeiten. Später befasste sich Urs durch Literatur intensiver mit der Landwirtschaft.

«Landwirtschaft ist politischer als viele denken.»

 

Er entschied sich, zusammen mit seiner Frau Leandra Brusa, den Hof seiner Eltern zu übernehmen. Und ihn in eine innovative Zukunft zu lenken. 

Hafermilch statt Kuhmilch

Über den Innenhof schlendert uns ein gross gewachsener junger Mann in weissem Kittel entgegen. Seine langen Haare sind versteckt unter einer roten Haube mit Haarnetz. Urs’ hastiges «bis später», deutet an, dass er viel Büroarbeit zu erledigen hat und wir folgen dem Mann im weissen Kittel in einen abgeschirmten Raum. «Ich bin Roland und sie», er deutet auf eine Frau in Jeans, die Glasflaschen auswäscht, «ist Agnes.» Roland ist verantwortlich für die Hafermilchproduktion auf dem Biohof Hübeli. Der gelernte Informatiker arbeitet seit bald einem Jahr auf dem Hof und wurde durch einen Stellenausschrieb auf seinen jetzigen Job aufmerksam. «Hafermilch-Produktionsleitung gesucht», hiess es damals. 

Urs und Leandra wollten für den Hof Hübeli vor allem eins: Gute, gesunde, ökologische Produkte ohne Tierleid. Sie wollten Kalorien für Menschen produzieren, setzten auf Mut, Neues auszuprobieren. Sie wollten beweisen, dass eine rein pflanzliche Landwirtschaft möglich und attraktiv ist. Auf 15 ihrer insgesamt 31 Hektaren Land ersetzten sie Futtermais durch Polentamais, tierisches Eiweiss durch Linsen, Futtergerste durch Hafer und – Kuhmilch durch Hafermilch.

Der Start der Tierarche

Die geschroteten Haferflocken

Agnes, eine quirlige Frau mit Sankt Galler-Dialekt, schüttet eine Schaufel Haferkörner in eine Mühle, welche die Haferkörner spaltet. «Funktioniert ähnlich wie bei einer Atomspaltung», erklärt sie schmunzelnd, während sie ihre Plastikschürze glatt streift. Seit anfangs Jahr ist sie bei der Hafermilchproduktion dabei, als Ausgleich zu ihrem eigentlichen Beruf als Lehrerin. Zwei Nachmittage die Woche hilft sie mit, die zurückgebrachten Glasflaschen der verkauften Hafermilch zu reinigen, zu sterilisieren und die Haferkörner zu schroten.  

Die geschroteten Haferkörner gehen weiter zu Roland. Ironischerweise befindet sich sein hauptsächlicher Arbeitsplatz im ehemaligen Milchraum des Hofs – der heutigen Produktionsstätte der Hafermilch.

«Es nervte uns, dass es keine Hafermilch mit Schweizer Hafer in Läden gab.»

 

Urs und Leandra begannen 2016, die Tierarche Seeland aufzubauen. Der Name habe für sie keine religiöse Bedeutung. Vielmehr sei es ein Synonym für einen Ort, an dem Lebewesen aufgehoben sind. Die ersten Pensionsrinder zogen ein. Am 31. Dezember 2017 wurden die ehemaligen Milchkühe des Hofes ein letztes Mal gemolken und kurze Zeit später ebenfalls Bewohnerinnen der Tierarche. Ab dem 01. Januar 2018 wurde aus dem Hof Hübeli der Biohof Hübeli mit der Tierarche Seeland. 38 Kühe und Ochsen zählt der Hof heute, aufgrund mangelnder Ressourcen werden keine weiteren Tiere aufgenommen. Momentan werden 16 Hektaren der landwirtschaftlichen Nutzfläche verwendet, um genügend Gras für ihre Schützlinge zu produzieren. In ferner Zukunft möchten Urs und Leandra keine Kühe und Ochsen mehr beherbergen, sodass das momentane «Futterland» vermehrt für Gemüse und Getreidesorten, Linsen und Mais genutzt werden kann. 

Drei Zutaten – drei Wochen

Der Hafermilchraum ist grell beleuchtet. Gekritzelte Zahlen schmücken weisse Tafeln an der Wand und in der Mitte des Raums stehen zwei grosse Kochtöpfe, je an einem Thermometer angeschlossen. «Mit den Parametern muss sehr genau gearbeitet werden», erklärt Roland, während er über den rechten Topf gebeugt, Wasser einlaufen lässt. Nur 1 Grad Celsius Abweichung könne die Konsistenz und den Geschmack der Hafermilch verändern. In der Woche werden drei bis vier Chargen Hafermilch à je 120 Liter produziert. 10% einer Charge ist Hafer der eigenen Felder. Die Hafermilch des Biohofs Hübeli enthält einfache Zutaten: Bio-Hafer, Hahnenwasser und Salz. Während das Gemisch im ersten Kochtopf mit Enzymen erwärmt wird, beginnt Roland die von Agnes gesäuberten Flaschen mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum zu etikettieren: Ab heute drei Wochen.

Roland gibt die Haferflocken zu dem Wasser.

«Es steckt viel Herzblut dahinter. Herzblut und Schweiss.»

 

Je nach Jahr können zwischen 5 und 25 Tonnen Hafer geerntet werden. Urs und Leandra ist es wichtig, möglichst nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben. Deshalb teilen sie ihr Ackerland in kleine Parzellen mit Wildblumenabschnitten auf, um die Biodiversität zu gewährleisten. Dies bedeutet aber auch mehr Arbeit: Die Mähmaschine muss mehr an- und abgehängt werden, oftmals werden ganze Parzellen nur durch menschliche Handarbeit betreut. Eigentlich sei Hofleiter Urs ein bescheidener, bodenständiger Mensch. Etwas stolz sei er aber trotzdem auf seine Kulturführung beim Linsenanbau. Linsen seien empfindlich und müssen mit besonderer Sorgfalt angepflanzt werden. 

Handarbeit und Schweiss

Die dicken Wände des Hafermilchraumes lassen die herrschende Wärme draussen, trotzdem hat Roland Schweissperlen auf der Stirn. Diesmal ist er über den zweiten Kochtopf gebeugt und knetet die Hafer-Wasser-Masse durch ein dünnes Siebtuch, um die Hafermilch von den Haferresten, sogenannten Hafertresten, zu trennen. «Seit ich hier arbeite, weiss ich, was für eine «hönne Büetz» hinter vielen Produkten steckt», meint Roland lachend, während er eine weitere Ladung auspresst. 

Die abgesiebte Hafermilch erhitzt Roland nochmals, um Keime und Bakterien abzutöten, sie also zu pasteurisieren. Danach kommt der, gemäss Roland, herausforderndste Teil: Nicht das Abfüllen der pasteurisierten Milch in die Flasche, sondern mit dem Metall-Deckel die Flasche zu verschliessen. Wenn er zu wenig oder zu fest zugedreht ist, könne sich der Deckel beim Umdrehen der Flasche öffnen und die heisse Hafermilch würde sich über Roland’s Hosen entleeren.

Während Urs 2017 zu der Berner Zeitung noch sagte: «Als Quereinsteiger werde ich mich sicherlich beweisen müssen», hat sich heute sein Mut bewährt. Durch Tierpatenschaften, Tierpensionen und Bioackerbau finanziert sich sein Hof. Und bald beginnt das nächste grosse Projekt: Ab Juni 2023 wird ein Gemüseabo lanciert, bei welchem es bei Interesse möglich ist, selber mitzuhelfen und so Vergünstigungen zu erhalten.

Sechs Stunden später

Auf einem Hocker sitzend füllt Roland mit schnellen, gezielten Handbewegungen 120 Liter Hafermilch in die Glasflaschen ab. Sechs Stunden hat die ganze Prozedur gedauert: Vom Haferkorn in die etikettierte Flasche.

 

Von links nach rechts: Roland, Urs und Agnes

«By the beating from the storm..» tönt es aus den Autolautsprecher, während Urs über die holprige Strasse zu seiner Herde fährt. Der Hafertrester, bekommt Tony, das Alphatier von Urs’ Herde. Tony, ein grossgewachsener acht jähriger Ochse, erblickt den orangen Van schon von Weitem und rennt Urs und seiner Tochter freudig entgegen. Er kann kaum erwarten, die geschmackvollen Trester geniessen zu können und stürzt sich kurzerhand auf den roten Kessel. «Ich habe ein Grundvertrauen, dass alles gut kommt,» meint Urs mit einem Blick über die Weide und seinen daneben liegenden Felder, «und ich trinke zwar keinen Kaffee mit Hafermilch, aber ich trinke unsere Hafermilch pur.»

So wird also die Hafermilch vom Biohof Hübeli hergestellt. Durch Handarbeit und viel Leidenschaft, Schweiss und Überzeugung. Und: Seit einiger Zeit verkaufen Urs und Leandra auch Bio-Barista-Hafermilch, welche eine kleine extra Zutat enthält, um jeden Cappuccino mit einem luftigen Schaum geniessen zu können. Toll, oder?

Du möchtest den Biohof Hübeli unterstützen?

Werde jetzt Tierpat*in einer Kuh oder Ochsen. Falls du mit anpacken möchtest, kannst du dich für das Helfende-Formular anmelden. Und selbst beim leckeren HübeliGmües-Abo kannst du entscheiden, ob du mithelfen möchtest, dein eigenes Gemüse zu ernten!

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