Buch-Rezen­si­on «Vegan Kli­schee Ade!»

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Vegan‑Klischee ade!

Ver­gan­ge­nen Herbst hat in der vega­nen Com­mu­ni­ty ein Buch die Run­de gemacht. Lie­fert es wirk­lich, was es ver­spricht? Miri­am vom Team der Vega­nen Gesell­schaft Schweiz hat es für euch gele­sen und das Wich­tigs­te raus­ge­schrie­ben. 

Wahl­ber­li­ner Niko Rit­ten­au setzt sich in sei­nem Buch «Vegan-Kli­schee ade!» mit Mythen um die vega­ne Lebens­wei­se aus­ein­an­der. Ver­ständ­lich und inter­es­sant schreibt er, an wel­chen etwas dran ist.

Zuerst wer­den die Emp­feh­lun­gen von Ernäh­rungs­ge­sell­schaf­ten welt­weit zur vega­nen Ernäh­rung beleuch­tet, dann befasst sich Rit­ten­au mit spe­zi­fi­schen Aspek­ten der vega­nen Ernäh­rung wie die Ver­sor­gung mit Pro­te­in und Nähr­stof­fen. Danach geht er aus­führ­lich auf die «fünf wich­tigs­ten Lebens­mit­tel­grup­pen der vega­nen Ernäh­rung» ein und gibt Emp­feh­lun­gen zur Zusam­men­set­zung einer aus­ge­wo­ge­nen Kost. Ein letz­tes Kapi­tel befasst sich inten­siv mit dem Soja­kon­sum und den sich dar­um ran­ken­den Mythen und zeigt auf, dass ein mode­ra­ter Soja­kon­sum für Men­schen allen Alters und aller Ernäh­rungs­for­men – aus­ge­nom­men Sojaallergiker*innen – als posi­tiv ein­zu­schät­zen sei. Jedes Kapi­tel bie­tet am Ende eine klei­ne über­sicht­li­che Zusam­men­fas­sung der wich­tigs­ten Vor­ur­tei­le zum The­ma in Tabel­len­form. Wer sich detail­lier­ter in die The­ma­tik ein­le­sen möch­te, fin­det im Anhang ein exten­si­ves Quel­len­ver­zeich­nis mit allen von Rit­ten­au ver­wen­de­ten wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en.

Woher stam­men die Vor­ur­tei­le?

Eine wich­ti­ge Erkennt­nis, die im Buch mehr­fach betont wird, ist der Man­gel an Ernäh­rungs­stu­di­en mit vegan leben­den Per­so­nen. Ent­we­der sind die Per­so­nen­grup­pen viel zu klein, um sta­tis­tisch reprä­sen­ta­tiv zu sein, oder die Stu­di­en­de­signs lei­den an einer unge­nau­en Defi­ni­ti­on der unter­such­ten vega­nen Kost. Die Kost vegan leben­der Per­so­nen kann sich stark unter­schei­den. Rit­ten­au schreibt auf S. 18 in der Ein­lei­tung dazu: «Dies führt dazu, dass zum einen even­tu­ell die nega­ti­ven Effek­te einer vega­nen Junk­food-Ernäh­rung durch die gesund­heits­mo­ti­vier­ten Vega­ner in der glei­chen Grup­pe rela­ti­viert wer­den, und zum ande­ren dazu, dass die Junk­food-Vega­ner in der Grup­pe die gesund­heit­li­chen Vor­tei­le der voll­wer­ti­gen Ernäh­rung der gesund­heits­be­wuss­ten Vega­ner rela­ti­vie­ren.» Er emp­fiehlt wei­ter, dass «in zukünf­ti­gen Stu­di­en [..] nicht nur zwi­schen vegan, vege­ta­risch und misch­köst­lich unter­schie­den wer­den, son­dern auch dif­fe­ren­ziert wer­den [soll­te], wel­che Qua­li­tät von vega­ner Ernäh­rung die Teil­neh­mer prak­ti­zie­ren.» (S. 18).

Ver­fälsch­te Stu­di­en

Ein wei­te­res Pro­blem sei über­ra­schen­der­wei­se, dass sich Stu­di­en hin­sicht­lich ihrer Resul­ta­te unter­schei­den, je nach­dem ob Mischköstler*innen einer vega­nen Ernäh­rung aus­ge­setzt wer­den, oder ob bereits vegan leben­de Per­so­nen als Unter­su­chungs­grup­pe ein­ge­setzt wer­den.

Als Bei­spiel hier­zu die­nen Unter­su­chun­gen zum wich­ti­gen Mine­ral­stoff Eisen. Eisen ist in unse­rer Nah­rung in zwei For­men ver­füg­bar: als Hämei­sen in Tier­pro­duk­ten und als Nicht-Hämei­sen in pflanz­li­chen Quel­len. Aus bis­he­ri­gen Erkennt­nis­sen gehen Ernäh­rungs­ge­sell­schaf­ten welt­weit davon aus, dass Nicht-Hämei­sen etwa halb so gut vom Kör­per ver­wer­tet wer­den kann wie Hämei­sen. So liegt die Eisen­zu­fuhr­emp­feh­lung für vegan leben­de Per­so­nen in vie­len Fäl­len dop­pelt so hoch. Pro­ble­ma­tisch ist dies des­we­gen, weil Stu­di­en, die die Ver­wert­bar­keit von Nicht-Hämei­sen unter­such­ten, in den meis­ten Fäl­len Mischköstler*innen und/oder Vegetarier*innen tem­po­rär auf eine rein pflanz­li­che Kost umstell­ten. Rit­ten­au erwähnt aller­dings neue­re Stu­di­en, deren Erkennt­nis­se dar­auf hin­wei­sen, dass sich der Kör­per eines Men­schen auf eine Umstel­lung der Eisen­zu­fuhr von Hämei­sen auf Nicht-Hämei­sen anpas­sen kann. Dies führt dazu, dass der Kör­per vegan leben­der Per­so­nen nach eini­ger Zeit die Auf­nah­me­ra­te von Nicht-Hämei­sen erhö­hen und gleich­zei­tig die Ver­lus­tra­te durch die Aus­schei­dun­gen redu­zie­ren kann. Zudem spie­le eine Rol­le, dass vegan leben­de Per­so­nen durch ihre ten­den­zi­ell höhe­ren Vit­amin-C-Auf­nah­me einen Vor­teil bei der Ver­wer­tung von Eisen haben, da Vit­amin C dem Kör­per bei der Auf­nah­me von Eisen hilft.

Der Kör­per ver­än­dert sich nach der Ernäh­rungs­um­stel­lung

Stu­di­en, die die Eisen­ver­sor­gung von vegan leben­den Per­so­nen unter­su­chen wol­len, müss­ten also – gemäss Rit­ten­au – auf Per­so­nen­grup­pen zurück­grei­fen, die sich bereits seit eini­gen Mona­ten pflanz­lich ernäh­ren. Ansons­ten kann der noch nicht erfolg­te Umstel­lungs­pro­zess die Ergeb­nis­se ver­fäl­schen. Dies erklärt auch, war­um in gross ange­leg­ten Durch­schnitts­stu­di­en die Häu­fig­keit von Eisen­man­gel oft in allen Per­so­nen­grup­pen unab­hän­gig von der Ernäh­rungs­wei­se ähn­lich ist, oder Stu­di­en mit lang­jäh­rig vegan leben­den Per­so­nen die­sen oft über­ra­schend adäqua­te Eisen­wer­te nach­wei­sen.

Ähn­li­che Pro­ble­ma­ti­ken fin­den sich gemäss Rit­ten­au in der Zink­ver­sor­gung und bei der Ome­ga-3-Pro­ble­ma­tik: In bei­den Fäl­len deu­ten neue­re Unter­su­chun­gen dar­auf hin, dass vegan leben­de Per­so­nen nach einer gewis­sen Zeit Zink aus der pflanz­li­chen Kost bes­ser vertwer­ten bezie­hungs­wei­se Alpha-Lin­o­len­säu­re (ALA) bes­ser zu den Ome­ga-3-Fett­säu­ren (EPA und DHA) umwan­deln. Die­se Umstel­lung des Kör­pers setzt aber erst nach eini­ger Zeit ein, wes­we­gen über eini­ge weni­ge Wochen ange­leg­te Stu­di­en mit Mischköstler*innen, denen tem­po­rär eine rein pflanz­li­che Kost zuge­führt wird, die Ergeb­nis­se ver­fäl­schen kann.

Fazit zum Buch

Das Buch über­zeugt durch die umfas­sen­de, undog­ma­ti­sche und wis­sen­schaft­lich rele­van­te Her­an­ge­hens­wei­se an die vega­ne Ernäh­rung. Rit­ten­au scheut sich nicht, die Lücken einer rein pflanz­li­chen Ernäh­rung, wie das Vit­amin B12, vor­zu­stel­len. Ande­rer­seits ent­kräf­tet er Argu­men­te, die gegen eine vega­ne Ernäh­rung spre­chen, wenn sie wis­sen­schaft­lich nicht halt­bar sind. Das Buch bie­tet wis­sen­schaft­lich fun­dier­te, auf den Punkt gebrach­te Argu­men­ta­tio­nen, die in Dis­kus­sio­nen mit besor­gen Fami­li­en­mit­glie­dern eben­so hel­fen kön­nen wie auch im Schlag­ab­tausch mit schlecht infor­mier­ten Fach­per­so­nen, die die vega­ne Ernäh­rung pau­schal als unge­sund ver­ur­tei­len. Selbst nach vie­len Jah­ren vega­ner Ernäh­rung fand ich «Vegan-Kli­schee ade!» sehr span­nend.

Aus die­sen Grün­den kann ich «Vegan-Kli­schee ade!» klar als Lese­lek­tü­re emp­feh­len: Sowohl für vegan leben­de Per­so­nen – ob Neu­ling oder alter Hase – als auch nicht-vegan leben­de Per­so­nen. Das Buch beleuch­tet ver­ständ­lich die Grund­la­gen der aus­ge­wo­ge­nen vega­nen Ernäh­rung.

Niko Rit­ten­au: «Vegan-Kli­schee ade! Wis­sen­schaft­li­che Ant­wor­ten auf kri­ti­sche Fra­gen zu vega­ner Ernäh­rung», Ven­til Ver­lag UG, Mainz 2018.

Die Rezen­si­on beruht auf der 1. Auf­la­ge 2018.

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